10. Dezember 2015 Johannes Wolters

Die INDAChs Kritik von Lena Pauli zu „Der kleine Prinz“

Nachfolgend meine Kritik zum Kleinen Prinzen, der mich unfassbar berührt und begeistert hat!

Zweimal fällt dieser Satz: Du wirst eine wunderbare Erwachsene werden. Gesagt wird er von zwei Menschen die unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber beide die einzig wichtigen und intimen Menschen im Leben des kleinen Mädchens sind. Die Protagonistin in Mark Osbornes Animationsadaption des populär-philosophoschen Kinderbuchbestsellers „Der kleine Prinz“ hat statt eines Namens eine Funktion: das Kind, die Heranwachsende. Wie alle Charaktere, die sich die Filmemacher für die Rahmenhandlung dieser sehr besonderen Interpretation von Antoine Saint Exuperys Klassiker ausgedacht haben. Mutter, Polizist, diese Bezeichnungen beschreiben die Rollen der Figuren, nicht die echte eigene Identität. Denn die entsteht im Zusammenspiel aus Fantasie, bunten Gedanken, Erfahrungen und Emotionen. Doch davon regt sich zunächst nichts in der CGI-Welt mit dem sterilen Setting einer gesichts- und namenlosen Vorstadt. Hier wächst das junge Mädchen auf. In ihrem Leben ist für Kindheit kein Platz – in einem mit sinnhaften Lehrinhalten vollgestopften und bis zur letzten Tageslichtsekunde durchgetakteten Lebensplan der Mutter gibt es keinen Raum für Spiel und Fantasie. Denn die hat für die Erwachsene keinen ersichtlichten ökonomischen Wert oder praktischen Nutzen. Die Mutter wird so zum Inbegriff für kalten Kapitalismus einerseits, andererseits aber auch für eine in Angst gefangene Alleinerziehende, die die eigene Tochter für die schwierige Welt wappnen will. Und so trimmt die helikopternde Mutter die Neunjährige zu einem effizienten und rationalen jungen Wesen. Beinahe wäre der Plan aufgegangen, wäre nicht der kauzige, greise Nachbar, ein unangepasster Sonderling in das Leben der beiden Frauen geplatzt. Erst skeptisch, dann fasziniert folgt das kleine Mädchen ihm auf eine Reise in die Geschichte des kleinen Prinzen, die mit einer warmen, künstlerischen Stop-Motion-Technik in visuellem und emotionalem Kontrast zur Computeranimation steht und die Welt des kleinen Mädchens reicher, bunter und wertvoller macht. Doch auch diese Wunderwelt mit dem Prinzen, eitlen Rosen und Schafen in der Wüste wird von gierigen Anzugträgern mit profitgetriebenen Fortschrittsgedanken bedroht und muss vom kleinen Mädchen gerettet werden. littleprince_poster

Der Amerikaner Mark Osborne, der für Dreamworks einen übergewichtigen Kung Fu Panda box-office-Hit erfolgreich inszenierte, hat gegen jede Befürchtung aus diesem modernen europäischen Märchen kein glattes, seichtes US-Blockbusterstück gemacht und auch manche Heftigkeiten der Vorlage nicht abgesoftet. Er hat dem kleinen Prinzen ein kleines Mädchen geschenkt, die weltbekannte Fabel in eine originäre Rahmenhandlung eingebettet und einen modernen französischen Animationsklassiker geschaffen. So erschließt diese zeitlose Geschichte sich noch ein bisschen stärker der nächsten Generation. Und dies obwohl „Der kleine Prinz“ kein Kinderfilm ist, sondern ein Menschenfilm – über die Kraft der Fantasie. Und nur knapp hinter „Alles steht Kopf“ rangiert, der aber dann doch für mich der beste Animationsfilm des Jahres bleibt.

Lena Pauli

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