1. April 2017 Johannes Wolters

Die INDAChs Kritik von Michael Knoll zu Rupert Sanders „Gost in the Shell“ (Paramount)

Nach 22 Jahren wird mit GHOST IN THE SHELL, einer der bekanntesten Animes, von Rupert Sanders neu verfilmt. Unter der schützenden Hand von Steven Spielberg (Produzent) hat der Werberegisseur einen Stoff zur Verfügung gestellt bekommen, der hervorragende Science Fiction mit Narration und Visualität vereinte wie kaum ein anderer Film. Ein Anime, der sich über die Animationsfilmgrenzen hinaus einen Platz in der Filmgeschichte gesichert hat. Was uns erwartet, wenn so viel nutzbares Potenzial im Raum steht, wird sich auf den Leinwänden zeigen, wenn sich die Realverfilmung zwangsläufig mit seinem Original messen muss.

Wo ziehen wir die Grenze zwischen Mensch und Maschine? – Die Kernfrage, mit der sich das Original und alle seine Nachfolger und Ableger beschäftigt. Sci-Fi-Philosophie vom Feinsten und eine Prämisse, die genug Stoff liefern kann, um noch 10 interessante Filme zu überstehen. Doch leider hatten die Macher des Remakes es nicht so mit Inhalten und setzten stattdessen auf ein optisches Feuerwerk, das in unserer kurzlebigen Zeit ein paar Wochen überleben wird und in 22 Jahren vergessen ist – während man vom Original noch immer sprechen wird.

Mit Scarlett Johansson (LOST IN TRANSLATION), Takeshi Kitano (HANA-BI), Juliette Binoche (DIE LEIBENDEN VON PONT-NEUF) und Michael Pitt (BOARDWALK EMPIRE) versammelt sich ein internationaler Cast aus herausragenden Charakter-Darstellern. Leider dürfen sie nur gut aussehen, denn die blutarme Story vermisst jegliche innovative oder spannende Ansätze. Schale Dialoge, unzusammenhängende und unlogische Handlungen inklusive. Die Geschichte wurde nicht nur massiv vereinfacht, sondern auch jeglicher tiefe beraubt. Warum sich also die Mühe machen und dennoch bewanderte Darsteller an Board holen? Sie sollen offensichtlich die Lücken schließen, welche Sanders Inszenierung hinterlässt und das Buch sowieso nicht bietet. Der Film vermittelt kein Gefühl für die Erzählwelt, in der wir uns befinden oder dafür, wie die Menschen zur fortschreitenden Kybernetisierung eigentlich stehen. Solche elementaren Storygrundlagen werden nur kurz angerissen, wenn man sie für notgedrungene Erklärungen braucht. Hinzu kommen ausgesprochene und aufgezwungen Probleme der Hauptfigur, an die wir in jeder zweiten Szene mit dem Vorschlaghammer erinnert werden. Und obendrein Kürzungen elementarer Bestandteile des Originals zur Vereinfachung für die breite Masse, der man keine Tiefinnigkeit zutraut.

Der Regisseur inszeniert derweil schöne Bilder, die der Film (und das muss man ihm lassen) am laufenden Band liefert. Dabei kopiert er Szenen aus dem Anime und seiner Fortsetzungen beinahe framegenau. Der Rest ist manchmal originell, aber zusammenhangslos. Sanders ist ein Visualist, aber kein visueller Erzähler. In den atemberaubenden Bildern und den beeindruckenden Choreografien zeigt sich, wo die Stärken des mehrfach ausgezeichneten Werberegisseurs liegen, der genau für diese Bilder wohl den Job bekommen hat. Was er abliefert, ist ein Sci-Fi-Vehikel mit vielen Hoffnungen und einer starken Brand, die auf der Leinwand ausgeschlachtet wird. Ein kalkuliertes Geschäft, um Zuschauer in die Kinos zu locken.

Vorbei die Zeiten, als Spielberg einer der Wegbereiter des modernen Science-Fiction Films war. Als er vierzig Jahre vor ARRIVAL eine cineastische Skizze vom kommunikativen Problem mit Aliens skizzierte. Und selbst nach der UNHEIMLICHEN BEGEGNUNG eine Alienlandung in E.T. Dazu nutzte, um Abgrenzung und Verbundenheit zu erzählen, bevor er spätestens beim WAR OF THE WORLDS Remake Aliens zu stupiden Invasoren abstempelte, wie man es in der Traumfabrik gerne macht, wenn man auf sicher spielen will. Nachdem BFG-Debakel muss die Kasse bei DreamWorks wieder stimmen und da helfen bekanntlich starke Namen. Sollte dies das Ziel gewesen sein, wird GHOST IN THE SHELL in den kommenden Wochen wohl als erfolgreich zu bezeichnen sein.

Der Film unterhält, aber er fordert nicht. Das mag für eine Originalidee ausreichen, ohne Zweifel, aber wenn man sich einem Vermächtnis verschreibt, sollte dieses der Maßstab sein. Leider unterschreitet das Remake das vorangesetzte Niveau und man wünscht sich die Zeiten zurück, als die Wachowskis sich bei GHOST IN THE SHELL bedient haben und dessen eigentliche Realisierung mit MATRIX erfolgt ist. Auch ein Film, der bis heute nachhallt, da er das Genre nutzt, um philosophische Fragen zu diskutieren.

Doch das GHOST IN THE SHELL Remake erfüllt bloß einen Zweck: Ticket kaufen, ansehen, vergessen, nächster Film.

Michael Knoll

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