23. Mai 2017 Johannes Wolters

Hier die INDAChs Kritik von Nuesret Kaymak zu Ridley Scotts „ALIEN: COVENANT“

Eine Filmkritik von Nuesret Kaymak

Als ein großer Fan von Ridley Scotts ALIEN – DAS UNHEIMLICHE WESEN AUS EINER FREMDEN WELT von 1979, müsste ich inzwischen einen hippen, langen-wenn auch angegrauten – Bart tragen. Daher stehe ich der ALIEN-Filmreihe eher wohlgesonnen gegenüber und meine Kritik wird verständlicherweise kein Verriss, auch wenn der Film mir (ein paar wenige Male) einen Facepalm herauskitzeln wollte. Glücklicherweise hielt sich das in Grenzen denn die spannenden und beeindruckenden Strecken bestimmten den Tenor. Daher also schon zu Beginn und kurzgehalten: ja, Kinobesuch und Kinokarte lohnen sich. Meine Wertung: 9 von 10 Punkten. Ich erkläre im Folgenden, warum man sich den Film unbedingt zu zweit in im Kino ansehen sollte und warum die Macher die Adaption zur TV-Serie erwägen sollten.

Warnung an alle, die die ALIEN-Filmreihe NICHT kennen

Nicht wenige werden behaupten, Ridley Scotts erste ALIEN-Verfilmung gelte als einer der besten Science-Fiction-Horror-Filme – wenn nicht sogar als der beste. Und ja, natürlich und selbstverständlich ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, ob man es sich antun mag, einen verstörenden Film – wie auch jetzt ALIEN: CONVENANT – freiwillig anzusehen! Man sollte nicht vergessen, dass bei all der raffinierten Ausstattung, den grandiosen Kulissen und nicht zuletzt der interessanten Storyline einschließlich tadelloser Darsteller – die ALIEN-Filmreihe einschließlich des Spin-off PROMETHEUS – DUNKLE ZEICHEN – wesentliche Anteile des GORE– und SPLATTERFILM-Genres aufweisen. Sensible Zuschauer dürfen sich daher auf zwei schweißtreibende Stunden mit verstörenden Momenten und furchteinflößenden Bildern einstellen! Aber auf dem Jahrmarkt weiß ja vorher auch jeder, worauf er sich mit einer Achterbahnfahrt einlässt. Daher sollte man den Film unbedingt mit seinem Partner ansehen. Wer DRACULA-Filme mag, ist hier gut aufgehoben.

INHALT

Es geht um den schrecklichsten Albtraum des Menschen überhaupt: die Fremdbestimmung. Die Kirche nennt es Besessenheit, die Biologie Parasitismus. In ALIEN: COVENANT wie auch der ganzen ALIEN-Filmreihe ist es das handlungsbestimmende Thema: eine außerirdische Lebensform zweckentfremdet den Menschen zur Brutstätte des Nachwuchs. Der menschliche Körper dient einem Parasiten als „Nest“ und „Nahrungsquelle“ zugleich. Der mit den Sporen infizierte Mensch, sich dessen nicht bewusst zur wandelnden Babynahrung degradiert zu sein, darf noch kurze Zeit aschfahl durch die Gegend wanken – bis die Brut soweit herangereift ist (und das geschieht in einem irre schnellen Tempo) und quasi aus dem Ei schlüpft.

Den Schlüpfvorgang muss man sich im Übrigen wortwörtlich vorstellen -filmisch gekonnt in Szene gesetzt von Altmeister Sir Ridley Scott persönlich samt perfektem Stab an Spezialisten für Design, CGI und Maske. Wie auch schon in den Vorgängerfilmen, bestimmt besonders die Zeit zwischen „Befruchtung“ und „Geburt“ die eigentliche Filmhandlung und damit die altbewährte Frage, wer denn nun befallen ist, es noch werden wird- und wer nicht. Also das bewährte Zehn kleine Negerlein -Spielchen bei, welches – je nach dem -einmal blutig und weniger blutig ausfällt. Und hier liegt leider einer der Schwächen des Films. Aber dazu später…

PRO

Eines muss man den Machern lassen: die (audio-) visuelle Umsetzung ist in jedem der ALIEN-Filme – auch und besonders in ALIEN: COVENANT – einfach nur perfekt! Es sind Könner, die hier bis hinein in die Farbnuancierung ein ausgetüfteltes, optisches Meisterwerk in Szene setzen. Echte Virtuosen, denen es gelingt – selbst in Zeiten, in denen TV-Serien mit beschaulicher CGI längst dem Kino den Rang- und die Alleinherrschaft über das Publikum abgelaufen haben – noch imponieren kann. Der Film überzeugt nicht nur technisch an Raffinesse und Präzision sondern auch in der ästhetischen, im Design. Die durchdachte, ausgewogene Komposition muss man daher auf der großen Leinwand genießen, da man sonst das imposante Seherlebnis nur in einer Annäherung – jedoch nie in seiner vollen Entfaltung erleben kann. Das gilt natürlich nicht für die, die auf YouTube- und Handy-Filmchen abonniert sind. Kein noch so leistungsfähiger Großbildfernseher kommt an die Dimension der bildgewaltigen Optik eines digitalen Hochleistungsprojektors heran, der das Kino der Gegenwart an seine ursprüngliche Aufgabe als Lichtspieltheater zurückführt und inthronisiert.

Filmtempo, Kameraeinstellungen und Lichtsetzung sind von Meisterhand geschaffen und ziehen den Zuschauer in seinen Bann. Der Sound als auch die musikalische Untermalung ist inzwischen so perfekt auf die Schnitte abgestimmt, dass man sich als Zuschauer gewürdigt fühlt und spürt, einer anspruchsvollen Vorstellung beizuwohnen. Es ist ein wenig ARTE-Feeling aufgekommen: Ruhe und Qualität… das Gegenteil hysterischer Massenproduktionen. Die Ausstattung ist recht gelungen – wenngleich in allen ALIEN-Produktionen die Story sich –handlungsbedingt- nur an wenigen Schauplätzen abspielt: im Raumschiff und auf einem sehr begrenzten, erdähnlichen Umfeld eines Planeten.

Trotzdem kann sich das Ergebnis sehen lassen: das Produktionsteam – mit knapp 15.000 Spezialisten in der Größe einer Kleinstadt– hat zweifellos großartiges geschaffen, was dem Film auch anzusehen ist! Es ist eindeutig in die die Kategorie Großproduktion einzuordnen und allenfalls werden nur noch chinesische Monumentalfilm-Produktionen mithalten können dürfen. Das geflügelte Wort Klasse statt Masse gilt jedoch nicht für ALIEN: COVENANT – sondern bekräftigt nur umso mehr die ebenso geläufige Redewendung „Big is beautiful“ oder „the best that money can buy“. Allerdings mit dem Vorteil, nicht als Popcorn-Film zu enden: ein US-Regisseur hätte wohl alles lustiger realisiert, was dem Film natürlich in keinem Fall zuträglich wäre. Die Naturaufnahmen sind zwar nicht so farbenfroh und niedlich wie in Peter Jacksons HERR DER RINGE, aber ebenfalls ein optischer Genuss! Überhaupt haben sich die Gestalter sehr erfolgreich austoben dürfen: Setting und Aufmachung sind -durch die Bank durch – sehr überzeugend.

CONTRA

Es heißt „nobody is perfect”… was leider auch hier greift. Aber welches Projekt ist denn auch schon völlig makellos? Dafür bräuchte es übermenschliche Qualitäten, dem qua Naturgesetze keine Folge geleistet werden kann. Als eine der Schwächen des Films kreide ich etwas Inhaltliches, Musikalisches an: die Spitze gegen „David“. Sein „Übermenschen“-Tick wird – um den Irr- und Wahnsinn zu untermauern -musikalisch mit Richard Wagners DIE WALKÜRE untermalt, was meiner Meinung nach schon sehr an Schlagkraft gelitten hat. Mag sein, dass es ein Running Gag des angelsächsischen Humors ist die ewige Verbindung zwischen Größenwahn und menschenverachtendem Wahnsinn mit der Musik Richard Wagners gleichzusetzen. Oder nur ein Insider-Joke in Richtung des Hauptdarstellers Michael Fassbender, mit dessen deutsch-irischen Wurzeln ist (Fassbenders Vater ist Deutscher) – es ist nichts wirklich Neues. Nichts wirklich Prickelndes.

Aber es gibt ja da draußen einen ganzen Haufen junger Leute, die sich für Geschichte kaum bis gar nicht interessieren und dafür vielleicht mehr für Poesie: Zitate und Verweise aus und in die englische Poesie deuten an, wohin die Reise geht: „Ozymandias“ – das Sonett Percy Bysshe Shelleys, mit dem Thema Vergänglichkeit der Menschheit, dem Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus von der Gattin des ebenerwähnte Shelleys, Mary Shelley (ein schreibfreudiges Paar) und Gedichten Lord Byrons (dessen Frau ihn für einen Geisteskranken hielt). Merke: der Wahnsinn steht auf Dichtung in Reimform und das Grauen in Reinform!

Passend zur Poesie und ein Brückenschlag zur darstellenden Kunst sind wohl in ALIEN: COVENANT die Einstellungen mit dem barfüßigen Androiden in langen Unterhosen. In seiner futuristischen Borduniform wirkt David (Michael Fassbender) wie ein netter, barfüßiger Balletttänzer. Und tatsächlich wirkt der Kampf zwischen den Androiden Walter und David (Fassbender in einer Doppelrolle) später auch teilweise eher wie ein Tanz, denn ein Kampf. In die gleiche Kerbe, der modischen, muss ich schlagen, wenn ich Davids erstes Erscheinen als Retter in der Not seziere: mit langem Haar und im schicken Kapuzenmantel erinnert David eine Fantasy-Figur aus HERR DER RINGE, den Waldläufer oder die Elfen. Das Michael Fassbender in dem vor einem halben Jahr zuvor in den Kinos laufenden Film ASSASIN CREED eine ähnliche Figur spielte, ist bestimmt dem Zufall geschuldet: auch hier spielt Fassbender eine Doppelrolle – die des Callum Lynch und Aguilar de Nerha. Auch hier darf er schicke mittelalterliche Klamotten tragen und sich ebenfalls akrobatisch austoben. Ich bin vielleicht mit all den Querverbindungen im Merchandising zu uninformiert, um mir tiefergehende Gedanken zur Motivation bezgl. der Kostüme zu machen.

Das Thema Mittelalter ist meiner Meinung nach einer der Schwachpunkte in ALIEN: COVENANT. Allzu sehr liegt die Betonung auf einem mittelalterlich betonten Ambiente. Gut, laut Story lebten die ausgestorbenen Bewohner des Planeten in einer mittelalterlich anmutenden Welt. Die aber zeitgleich über eine Hochtechnologie verfügte, die u. a. Raumfahrten ermöglichte. Vielleicht bin ich ja hier persönlich etwas aus der Spur und aufgrund des Alterungsprozesses etwas fantasieloser geworden – aber auf mich wirkt das alles etwas farblos und albern. Die Kargheit einer kalten und kargen Trutzburg nimmt viel Raum ein und sorgt mit seinen steinernen Gängen und Treppen für eine düstere, unheimliche Atmosphäre, die etwas an GAME OF THRONES erinnert. Natürlich fehlt hier nicht die obligatorische Kammer des Hexenmeisters, des Alchemisten – der einem Sträfling gleich offenkundig eine lebenslange Haftstrafe verbüßt: überall sieht man Skizzen herumhängen. Fein säuberlich im Humboldt-Stil mit Feder auf Büttenpapier gezeichnet – sieht man sie ordentlich nebeneinanderhängen. Eingelegte Föten in großen Einmachgläsern sowie ausgestopfte Exponate vervollständigen das Bild des verrückten Wissenschaftlers und lassen den brodelnden Wahnsinn erahnen. Es sind Bilder aus der abendländischen Kultur, die sich tief in die Wahrnehmung eingegraben haben und die man irgendwo schon gefühlte tausend Mal gesehen hat. Zumindest Europäern mit ihrem kollektiven Erbe des Mittelalters – wird es schwer fallen, etwas Neues zu entdecken. Durch den Erfolg der TV-Serie GAME OF THRONES und dem damit losgetretenen Hype um das Thema Mittelalter – wird das inzwischen wohl auch weltweit gelten. Aber die Darsteller machen es wieder wett…


HAUPTCAST

Michael Fassbender in der Doppelrolle als Walter und David (…mit einem unsagbar passenden, devoten Diener-Gesicht – der es mit Mühe schafft, zum teuflischen Mephisto zu mutieren. Er wirkt, wie ich meine, noch als Ekel sehr nett und teilt somit das Schicksal Pierce Brosnans).

Katherine Waterston als Offizierin Daniels (…der weichgezeichneten Reinkarnation von Offizierin Ripley – der grandiosen Sigourney Weaver: Hauptdarstellerin aller ALIEN-Filme).

NEBENCAST

Guy Pearce als Sir Peter Weyland (…mit einem viel zu kurzen Auftritt und Sommersprossen, die mir bis jetzt nie so aufgefallen sind)

James Franco als Captain Jake Bransom (…eine Glanzrolle, weil noch sehr, sehr viel kürzer)

Billy Crudup als Captain Oram (…dem Kapitän wider Willen, der es überzeugend schafft einen tiefgläubigen Schwächling zu spielen)

Danny McBride als Pilot Tenessee (…in der stereotypischen Rolle als Haudegen)

Demian Bechir als Sergeant Lope (…der ständig herumballerte und zu wenig Sprechtext hatte als dass er negativ hätte auffallen können)

Carmen Ejogo als Karine (…Orams Frau, die den perfekten Coach und Manager abgibt)

Jussie Smollett als Pilot Ricks (…der perfekt betroffen aus der Wäsche schauen kann und garantiert der nächste Denzel Washington Hollywoods wird)

Callie Hernandez als Pilotin Upworth (…die viel zu jung und zu hübsch für die Rolle der Pilotin ist)

Und einige andere, die das gleiche Schicksal teilen, welches etlichen Crew-Mitgliedern in roter Uniform in Star Trek (Raumschiff Enterprise) zuteil wurde.

MEIN RAT AN DIE PRODUZENTEN…

Machen Sie endlich eine TV-Serie daraus! Es hat mit Gene Roddenberrys STAR TREK geklappt, es funktioniert auch mit ALIEN! Eineinhalb bis zwei Stunden sind einfach zu schnell vorbei – Handlungsbogen und Dramaturgie für diese kurze Zeitspanne einfach zu vorhersehbar! Aber als Serie könnten im Fall einer erfolgreichen Umsetzung – mehrere Staffeln eine langanhaltende Aufmerksamkeitsspanne generieren. Und das Thema noch für Jahre erhalten.

Nuesret Kaymak

http://www.atelierkaymak.de

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