Bemerkungen zur „Jungle Book“- F.A.Z.-Filmkritik von Jürgen Kaube, Mit-Herausgeber der FAZ

Eine Filmkritik sollte nach meinem Verständnis mir als Leser oder in diesem Falle als Zuseher den besprochenen Film empfehlen oder aber mir davon abraten. Dies mit Argumenten und auch gerne mit subjektiven Einwürfen, einer Meinung. Insofern gebe ich gerne zu, dass ich mich über Art und Attitüde lange nicht mehr so erregt habe, wie hier bei der FAZ Filmkritik von FAZ-Mitherausgeber Jürgen Kaube. Deswegen erlaube ich mir hier an dieser Stelle einige Bemerkungen – zunächst aber einmal erst hier die Kritik Jürgen Kaubes:

Hier der Link zur Kritik: Bitte anschauen!

Zumindest in meinen Augen handelt es sich hier um einen guten Ansatz einmal, um zu erkennen, wo es in der „öffentlichen“ Wahrnehmung so alles hapert, wenn es sich einmal um den Bereich Animation und VFX dreht.

Der Film hat den Kritiker derart überrumpelt, dass er gar nicht gemerkt hat, dass auch die Natur in diesem Film zum allergrößten Teil nicht echt ist. Die atemberaubenden Vorträge von Oscargewinner Rob Legato und Adam Valdez auf der diesjährigen FMX in Stuttgart haben da einen großartigen Einblick erlaubt. Man wagt ihm gegenüber kaum zu erwähnen, dass Rob Legato stolz erläuterte, dass selbst der Junge Mowgli  zu einem Gutteil mit Hilfe eines Digi Double erschaffen wurde. Wirft natürlich die Frage auf, inwieweit muß eigentlich ein Kritiker auf dem Laufenden sein, hinsichtlich der künstlerischen Neuerungen, um bewerten zu können, ob ein Film gut oder schlecht erzählt ist. Die Tatsache, dass er den Film für einen Realfilm hält, ist wohl eher ein Beweis dafür, dass die Filmemacher hervorragende Arbeit abgeliefert haben, sagt aber natürlich nichts darüber aus, ob der Film auch gut unterhält.

Kaubes Negativ-Kritik setzt nun damit ein, dass der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, und so mit die Speerspitze des intellektuellen deutschen Feuilletons folgendes messerscharf erkennt:

„Ich würde zögern, mit kleinen Kindern hineinzugehen, weil es doch eigentlich nur Atemlosigkeit verbreitet und Größe,(…) es ist eine Abfolge von Wahrnehmungsschocks in diesem Film, und insofern ist es eigentlich eher ein Film für ein schon etwas älteres Publikum.“

Wahrscheinlich ein dezenter Hinweis darauf, dass der Film-Kritiker von den Disney Studios nur Preschool-Filme a la „Kleiner Rabe Socke“ bzw. „Mullewapp“ erwartet und erstaunt ist, dass der Film sich nicht an seinen Erwartungshorizont hält, sondern etwas gänzlich anderes versucht. Woher kommt nach Filmen wie „Der König der Löwen“ (Vater stirbt), „Bambi“ (Mutter stirbt), -die Liste ließe sich munter fortsetzen-, die irrige Annahme, dass Disney nur für kleine Kinder Filme herstellt?  Selbst der Zeichentrickfilm von 1967 war nicht für kleine Kinder gedacht und schon recht nicht die fotorealistische Neuverfilmung von 2016. In den USA hatte der neue Film ein PG Rating (Parental Guidance Suggested: Begleitung eines Erwachsenen empfohlen), in Deutschland hat er eine grenzwertige (meine Meinung!) Alterfreigabe ab sechs Jahren. Wenn ich hiermal meine persönliche Meinung noch einmal kundtun dürfte: nach all meiner Erfahrung mit Kindern von 2-9 im Kino, sei es durch Verwandtschaft oder Pvs mit Kinderbegleitung: Kino ist für Kinder unterhalb von 5 Jahren generell nicht geeignet, vielleicht noch in einer 1:1 Situation mit einem Elternteil oder Begleitung, aber selbst das ist meist noch schwierig. In Toy Story 3 fragte man sich bei der Szene im Verbrennungsofen: Warum gab es da nur eine FSK Freigabe von sage und schreibe 0 Jahren? Kulminiert letztendlich in der Frage: Seit wann und vor allem wieso nur glaubt das Feuilleton und die Öffentlichkeit, das Trickfilm etwas nur für kleine Kinder sei, wenn ihnen Jahr für Jahr mit Filmen wie Simpsons, Avatar, Wall-E, Zoomania (auch an der Kinokasse) immer wieder das Gegenteil bewiesen wird?

Doch zurück zur Kritik: Dass dies alles für Kaube keine Kunst, sondern nur atemloser Hollywood-Kommerz ist, macht dann folgendes Zitat in der Kritik deutlich: „Im Abspann werden ungefähr 600 Computer-Ingenieure genannt, die für das Ganze verantwortlich sind, insofern beeindruckt das. Aber auf der Ebene der Erzählung würde ich den Trickfilm und das Buch empfehlen.“

Kurz mal die Definition von Ingenieur:“ jmd., der an einer Hochschule ein Studium der Technik absolviert hat“. Und kurz mal die Definition von Künstler: “ jmd., der beruflich im Bereich der Kunst1 tätig ist, Kunstwerke schafft oder darstellend interpretiert.“

Hier wird säuberlich auseinanderdividiert: Computeranimation wird von Computeringenieuren, von Technikern gemacht, keinen Künstlern – ergo keine Kunst, ergo kein künstlerischer Wert – Trickfilm und Buch sind besser, wahrscheinlich weil,  so möchte ich jetzt hineininterpretieren, das dort wohl doch echte Künstler waren beim Zeichentrickfilm und Kipling ein großer Autor mit Nobelpreis. Was für ein interessantes Argument: Weil jetzt keine Stifte und Pinsel verwendet wurden (was natürlich ohnehin nicht stimmt, er weiß es nur nicht besser), diese akzeptieren wir inzwischen als Beweise von Kunst, weil also hier der Animator nur vor dem Rechner sitzt, handelt es sich jetzt nur um Ingenieure. Hier sieht man dann spätestens, dass es besser wäre, würde der Kritiker zumindest rudimentär etwas über moderne Prozesse des Filmemachens wissen.

Und noch ein Zitat: „„The Jungle Book … ist ein genau auf das Zielpublikum abgestimmter Film, leicht und glatt, der sich ausschließlich auf die Wirkung seiner vermenschlichten Tierfiguren verläßt. Wer aber Vergleiche mit früheren Filmen zieht, muß etwas wehmütig an die alten Meisterwerke zurückdenken.“ Dies schrieb Reinhold Reitberger in seiner Disney Monographie bei rororo, erschienen im Jahre 1978. Gemeint ist natürlich hier der Trickfilm von 1967.

Kommentar von Katharina Frank:

Inhaltlich fühle ich mich Knaubes Urteil sehr nah. Seine Attitude gegenüber uns Artists hingegen ist unerträglich. Die Blasiertheit des Feuilletons/ der Kulturredaktionen gegenüber dem Medium ist leider die einzige Konstante in der Berichterstattung über digitale Animation, wenn dann überhaupt erst mal berichtet wird. Ich erinnere mich noch wie heute an einen Beitrag von Katja Nicodemus auf dradio, als sie 2009 vom Eröffnungsfilm in Cannes berichten musste – Pixar’s Up, ein Trickfilm, was für eine Zumutung! Schlimmer noch als Knaube ging sie weder auf Inhalt noch Visuals ein, sondern bemitleidete sich ausgiebig selbst dafür, dass die an sich sonst so vernünftigen Franzosen erwarteten, man wolle an der opening night in Cannes einen Kinderfilm ansehen!
Nun ist völlige Unkenntnis eines Gestaltungsprozesses nichts verwerfliches – wer weiß schon, wie man Bronze giesst, Glas bläst oder Silber schmiedet. Wenn man aber Nichtwissen als „Argument“ dafür benutzt wird, eine ernsthafte Beurteilung von computergenerierten Filmen nach Kriterien, die für j e g l i c h e s Filmschaffen gelten, abzulehnen, krieg ich als Kreative echt zuviel. Zumal die meisten „Cineasten“ ganz sicher ihre liebe Not hätten, zu erklären, wie denn eigentlich traditionelle, „echte“ Filme produziert werden. Aber getreu dem Motto, „Ich hab zwar keine Ahnung wie es gemacht wird, aber weil es so gemacht wird wie ich nicht weiß, finde ich es doof,“ wird fröhlich weiter rezensiert. Unschlagbar, diese Kombination, aber sie ist nicht totzukriegen.
Wenn man schon die 600 „Projektionsmeister“ erwähnt, die im Abspann stehen, gäbe es genügend Themenkreise, in die vorzustossen interessant sein könnte. Man könnte über die Steuergeschenke bestimmter Weltregionen an VFX-Riesen sprechen, die das Arbeitsumfeld vieler dieser Artists Jahr für Jahr toxischer werden lassen. Aber das scheint nicht so reizvoll zu sein wie deren kreative Leistung zu negieren.
Aber, was rede ich eigentlich, ich hätte den Artikel gar nicht lesen sollen. Schließlich stimmt nur, was in Keilschrift auf Steintafeln steht. In diesem Sinn: Bröckel weiter, Kritiker-Hirn.

 

 

 

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