7. Januar 2019 Johannes Wolters

Gehaltsvorstellung des potentiellen Arbeitgebers – Meine Meinung

von Matthias Backmann

Die Gehaltsvorstellung ist ein interessantes und sehr wichtiges Thema.
Ich habe in meiner eigenen Erfahrung als Artist (sowohl Freelance als
auch angestellt) und im Gespräch mit vielen Kollegen und vor allem auch
im Austausch mit Studenten und jungen Artists einiges mitbekommen. Denn Letztere starten in die Branche und stehen häufig vor der Frage, wie das mit dem Geld nun aussieht…

Insgesamt ist das Thema Gehalt in Deutschland eh schwierig: Während etwa in Schweden alle Gehälter offengelegt sind und mit wenig Aufwand
angefragt werden können, habe ich schon von meinen Eltern gelernt, dass
man darüber nicht spricht.
Aber genau das ist doch ein Punkt, der zu den Ungerechtigkeiten in der
Arbeitswelt führt – sei es zwischen den Geschlechtern, Alter, leider
sogar beim Aussehen gibt es Unterschiede bei gleicher Qualifikation…
Ich könnte da jetzt ein riesiges Fass aufmachen, aber es geht nur
sekundär um Bezahlungsunterschiede, sondern eher um den Bewerbungsprozess.

Was möchte das Unternehmen also herausfinden? Die „Dünnhäutigkeit“, die Johannes anspricht, ist schon ein gutes Indiz dafür, dass natürlich der
Vorwurf im Raum steht, dass man sich simpel den günstigsten Bewerber
herauspicken möchte. Allerdings ist das, wenn man mal drüber nachdenkt,
sehr unklug: günstig und gut ist doch eine seltene Kombination –
Flughafen BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Kölner Stadtarchiv, etc.
irgendwie war das doch alles sehr günstig kalkuliert und endete in
Desaster und/oder Nachzahlungen. Und jeder VFX-Producer würde
wahrscheinlich mehrmals täglich gerne sagen: „Können wir zwar so günstig machen, aber dann sieht’s halt Scheiße aus!“ – und muss es leider
genauso machen.
Wenn das Unternehmen also klug ist, möchten sie damit ein bisschen
herausfinden, ob sich der Bewerber gut selber einschätzen kann. Der
perfekte Artist mit riesiger Erfahrung, hochwertigen Arbeitsproben und
der Gehaltsvorstellung eines Juniors – da kann doch was nicht stimmen!

Aber nun muss man die Filmbranche, insbesondere den
VFX/Animationsbereich und ihre Eigenheiten mit einbeziehen. Es ist alles
sehr familiär und kaum einer macht diesen Job wegen des Geldes, sondern
es geht immer viel um Leidenschaft für das, was man tut. Wichtig sind da
auch die Projekte, Kollegen, das Arbeitsumfeld (Überstunden!),
Zahlungsmoral, etc. – all dies kann man nicht mit einer Zahl ausdrücken!
Und wenn diese Zahl doch ein Auswahlkriterium ist, dann kommt der
nächste entscheidende Punkt: Wie soll ich eine sinnvolle Einschätzung
machen?

Die Branche ist schließlich noch mehr oder weniger „wild“ – nicht
umsonst ist die Diskussion über Unionisation, Gewerkschaft, Tarife,
etc… so zerfahren. Aber dadurch fallen viele Mittel weg, die man
benötigen würde, um die Gehaltsfrage von Anfang an einzubeziehen:

– Internetdatenbanken haben nur wenige Werte, auf die sie sich berufen
können. Es gibt einen guten Ansatz von Allan Mckay
(https://vfxrates.com/) – dort exisitiert in der Länderauswahl
Deutschland jedoch nicht.

– Der Entgeltatlas
(https://entgeltatlas.arbeitsagentur.de/entgeltatlas/) der Bundesagentur
für Arbeit kann mit der Berufsbezeichnung VFX-Artist oder ähnlichem gar
nichts anfangen. Trickfilmzeichner oder Mediengestalter kann man wählen,
aber viele Werte gibt’s nicht.

– Tariftabellen von Verbänden/Gewerkschaften? Siehe oben.

– Ausschreibungen zu ähnlichen Jobs mit Gehaltsinformationen habe ich
nur selten gefunden. Fallen also auch weg.

– Vielleicht bekommt man von 1-2 Kollegen dazu ein paar Informationen,
aber das war es dann wahrscheinlich.

Was also tun? Jeder Ratgeber zu Verhandlungen sagt, man solle lieber
nicht die erste Zahl nennen, die Regel würde man so direkt als erstes
brechen. Als Bewerber würde ich also lieber keinen Betrag nennen oder
sagen, dass die Qualifikation – nicht das Gehalt – ausschlaggebend sein
sollte und im direkten Gespräch gerne verhandelt werden kann. So sollte
es ja sein.

Ich würde mir allerdings insgesamt mehr Transparenz von den Firmen
wünschen. Schließlich kalkulieren alle ihre Arbeit durch und können in
ihrer Ausschreibung entsprechend schreiben, in welchem Bereich das
Gehalt liegen soll/kann, evtl. sogar mit Urlaubstagen und Infos zu
Überstunden. So sind Bewerber und Betrieb auch direkt auf einer Linie,
Überraschungen bei den Verhandlung bleiben eher aus und falls Bewerber
über- oder unterqualifiziert sind, kann man immer noch schauen, wie man
das regelt.

Ich glaube nicht, dass Firmen durch ihre Geheimhaltung da viel gewinnen.
Meine Erfahrung ist, dass am Ende die Beträge bei verschiedenen Firmen
sehr ähnlich waren, egal wie lange man verhandelt hat. Im Gegenteil:
Beide Seiten möchten doch eigentlich umso schneller zu einem Abschluss
kommen – der Artist hat seinen nächsten Job sicher und die Firma einen
Artist mehr.
Oder ist das naiv gedacht?

Ich fände es schön, auch zu hören wie Recruiter und Producer diesen
Prozess wahrnehmen? Hat es sich häufig gelohnt, noch mehr Zeit zu
investieren, um nochmal ein paar Euro zu drücken (auch die Zeit des
Producers kostet…)? Möchte man verhindern, dass andere Firmen einem in
die Karten gucken können? In der kleinen Branche kann ich mir nicht
vorstellen, dass nicht zumindest eine grobe Ahnung besteht, was bei den
anderen vorgeht!

Und um noch kurz genau auf das Beispiel aus Johannes Gespräch
einzugehen: Wenn die Ausschreibung so schwammig gehalten wurde, dass
nicht klar ist, was man in dem Job eigentlich machen soll, dann sollte
sich die Firma eh fragen, was sie erwartet. Dann bringt auch eine
Gehaltsvorstellung nichts, die Qualifikation der Bewerber wird dann
genauso schwammig!

Matthias Backmann
VFX-Artist

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