von Johannes Wolters
Um einen guten Film zu machen braucht man als Grundlage eine interessante, erzählenswerte Story. Klingt simpel, offensichtlich, selbstverständlich. Eine Art Credo, eine Maxime, ein ehernes Gesetz: Das Erzählen einer guten, spannenden Geschichte ist der Schlüssel zur Herstellung eines guten Films. Auch (oder gerade) Animationsfilme sind von dieser Binsenweisheit nicht ausgenommen. Animation ist ein eigenständiges Medium, kein Genre, innerhalb dessen man jede Form von Geschichte erzählen kann.
Dabei liegen die Stärken dieses Mediums vor allem im Bereich des visuellen Erzählens, über welches man das Publikum emotional deutlich stärker ansprechen kann als es etwa dem Realfilm möglich ist. Walt Disney hat das mal in Worte gefasst: „Animation bietet ein Medium des Geschichtenerzählens und der visuellen Unterhaltung, das den Menschen Freude und Information vermitteln kann.“
Animationslegende John Lasseter spitzte es später noch weiter zu: „Auch die beste Animation kann eine schlechte Geschichte nicht retten!“
Und dabei bestehen Animationfilme mit ihren komplizierten Herstellungspipelines aus vielen faszinierenden Facetten: Storyboarding, Character Design, Rigging, Texturing, Compositing, Lighting/Shading, der eigentlichen Animation, Sound, Layout, Musik und vielem, vielem mehr. Vieles davon wird vom Zuschauer nicht wirklich wahrgenommen, es erklärt zumindest, warum Animationsfilme diese nicht enden wollenden Abspänne haben, wo Hunderte von Artists und Techniker und deren Produktionsbabies über die Leinwand wandern. Aber hier jetzt halten wir einfach einmal fest: Ohne solide Story kein guter Animationsfilm! Selbst wenn alle oben aufgeführten Departments ihr Bestes geben. Darum scheitern viele, viele Projekte krachend aus dem In- und Ausland hierzulande an den Kinokassen, (Der letzte Walsänger, Tafiti, Alles voller Monster, Tom und Jerry – um nur einige wenige zu nennen…)

Aisha und das verlorene Buch ( (c) Der Filmverleih, Stuttgart)
Mit „Aisha und das verlorene Buch“ (OT La Luz de Aisha/Light of Aisha) ist jetzt eine internationale Produktion unter Federführung Spaniens mit Beteiligung aus Deutschland und aus Singapur in den hiesigen Kinos angelaufen und, man ahnt es schon, die Story des Films funktioniert einfach nicht.
Dabei hört es sich auf dem Papier gar nicht so schlecht an und die Filmbilder üben einen nicht unbeträchtlichen visuellen Reiz aus: Die Story möchte von der etwa 13jährigen Aisha erzählen, die ihrem persönlichen Traum folgt, Pyrotechnikerin zu werden, Feuerwerksdesignerin. Und das im 11. Jahrhundert, im südlichen Spanien, in Al-Andalus, unter islamisch geprägten mauretanischen Herrschern. So weit, so originell. Natürlich ist der Vater, der angesehene Bibliothekar und Mentor des jungen Kaliphen, traditionell dagegen, dass die Tochter aus dem vorgezeichneten Weg ausbricht, die Mutter ist dabei traditionell verstorben. Als ein berühmt berüchtigter Alchemist die Stadt aufsucht um ein in der Bibliothek unter strengsten Verschluß aufbewahrtes Buch zu lesen (was ihm natürlich verwehrt wird aus nicht unbedingt nachvollziehbaren Gründen) verführt er Aisha dazu, ihm das Buch zu stehlen. Im Gegenzug verspricht er ihr ein Buch des berühmtesten Feuerwerk-Herstellers mit allen dazugehörigen Geheimnissen und Rezepturen. Gleichzeitig plant der böse Großwesir/Kadi, der Onkel des jungen Kaliphen, einen Umsturz – der Alchemist soll ihm helfen, eine Art Kampf-Roboter zu konstruieren. Der Alchemist stiehlt das Buch und macht sich per Schiff auf nach Hause, der Bibliothekar wandert in den Kerker und Aisha macht sich auf, das gestohlene Buch wiederzufinden, um den Vater zu retten. Dabei trifft sie auf Piraten, Zauberer und Zauberinnen.

Aisha und das verlorene Buch ( (c) Der Filmverleih, Stuttgart)
Klingt eigentlich interessant und vielversprechend für einen Film, vielleicht ein bißchen viel Stoff, aber: Geschichten aus 1001 Nacht sind oft und erfolgreich verfilmt worden: das Meisterstück ist nach wie vor die Alexander Korda Produktion des „Dieb von Bagdads“ von 1940 unter der Regie von Michael Powell und Ludwig Berger. Disney hat das erfolgreich mit „Aladdin“ wiederholt. Fehlt eigentlich nur noch eine Prise aus dem Oeuvre von Hayao Miyazaki und seinem Abenteuerfilm „Laputa – Das Schloß im Himmel, ein bißchen „Der Name der Rose“ etc. pp. Dazu holt man sich die aufregende Vision einer jungen aufstrebenden Regisseurin, die dem ganzen einen einzigartigen modernen Look verleihen soll, um das Kinopublikum zu fesseln, eine Computeranimation im Look von Puppentrick/Stop-Motion mit Figuren aus Pappmachè. Dazu eine angenehme Farbpalette mit viel tiefen Rot und ein ansprechendes Figurendesign, dass schon von weitem signalisiert, wer gut und wer böse ist.
Limitierende Faktoren bei einer Filmproduktion, ob nun Real- oder Animationsfilm sind Zeit und Budget. Aisha hat wahrscheinlich nach konservativer Schätzung und eingehender Recherche etwa ein Budget von 4.2 Millionen Euro gehabt, geht man von den einsehbaren Förderungen etc. aus (Die MFG Baden-Württemberg investierte dabei 500 000 Euro in den Film). Das ist natürlich verglichen mit großen internationalen Budgets nicht viel, aber wenn wir es mit europäischen Budgets einmal vergleichen: Die spanische Produktion „Robot Dreams“ kostete vermutlich um die 5 Millionen Euro, die lettisch-belgisch-französische Produktion „Flow“ verfügte über knappe 4 Millionen Euro. Beide Filme wurden für den Oscar nominiert, letzterer gewann nicht nur den Oscar für den besten Animationsfilm sondern auch die Kategorie für den besten internationalen Film.
Weiterführende Links:

Aisha und das verlorene Buch ( (c) Der Filmverleih, Stuttgart)
Es ist also nicht unmöglich, mit einem solchen Budget einen ansprechenden Film zu stemmen. Wo also liegen die Probleme des Films? Die Kunst des Animationsteams ist Film und Budget zusammenzubringen, den bestmöglichen Film für die verfügbare Summe Geldes zu erstellen. Für 70 Minuten Filmhandlung ist hier soviel Stoff und Themen zusammengebracht worden, dass der Film dem irgendwann nicht mehr gerecht werden kann und deswegen haarsträubende dramaturgische Abkürzungen nehmen muß, die jeden Zuschauer aus der Handlung werfen müssen. Da laufen etwa parallele Handlungsstränge gegeneinander, die auf der einen Seite wenige Minuten oder Stunden dauern, auf der anderen Seite aber gleichzeitig Wochen bzw. Monate dauern müssten. Da werden Gefahrenmomente, hochspannende dramatische Ereignisse entschärft oder schlichtweg unterschlagen, um das Publikum emotional nicht zu fordern. Keine der handelnden Personen macht wirklich eine Entwicklung durch, Aisha ist ziemlich diesselbe Figur am Anfang und am Ende des Films. Viel zu viel der Handlung wird in den Dialog gelegt, am Ende drängt sich die Frage auf, warum musste das eigentlich als Animationsfilm produziert werden? Und was das Setting angeht, also ein selbstbewußtes Mädchen im 11. Jahrhundert in Al-Andalus etc: Wenn der Film mit Torpedo-Booten aufwartet und zuletzt einen Roboter mit Laserkanone den Sultanspalast zerstören lässt, kann man sicher sein, sich nicht mehr in der historischen Realität zu bewegen, das hier ist pures Märchen- bzw Fantasy-Territorium. Was den Background der Figuren angeht, man erfährt nicht allzuviel, zu wenig jedenfalls um wirklich emotional für Aisha etwa Partei zu ergreifen, da wird zuwenig gezeigt, zuviel behauptet. Die Geschichte ist in und trotz ihrer Fülle unglaublich vorhersehbar (inklusive des Laserroboters), Spannung kann da nicht aufkommen, manchmal hat man gar das Gefühl einen überlangen Trailer für eine wesentlich längere, interessantere TV-Serie vorgesetzt zu bekommen. Das Drehbuch des Films, von den beiden Spaniern Xavier Romero und Llorenç Español Nolla verfasst, gewann im Jahr 2019 den deutschen Animationsdrehbuchpreis beim Trickfilmfestival in Stuttgart. Die Frage hier ist, ob das Drehbuch bereits all die Lücken und Defizite der Erzählung aufwies oder ob die Vielzahl an Produktionshäusern und die damit einhergehenden, verschiedenen Filmförderungsbedingungen der jeweiligen Länder-, EU-, bzw. Fernseh-Förderungen diese erst eingerissen haben.

Aisha und das verlorene Buch ( (c) Der Filmverleih, Stuttgart)
Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Produzenten den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind und kostengünstigste Entscheidungen getroffen haben, dass die Regisseurin Shadi Adib bei ihrem Erstlings-Spielfilm ihr Bestes gegeben hat, aber die Umstände wahrscheinlich überfordernd gewesen sein müssen, ihre persönliche Vision letztlich umzusetzen. Die Anstrengungen der einzelnen Artists, die wiederum versucht haben, ihr Bestes zu geben, etwa im Bereich Kamera, Lichtsetzung, Character Design sind deutlich spürbar – aber erinnern wir uns an die Maxime John Lasseters: „Auch die beste Animation kann eine schlechte Geschichte nicht retten!“ Und das macht „Aisha und das verlorene Buch“ eine ärgerliche, geradezu tragische Angelegenheit: Man merkt, man begreift das Potential der Geschichte unterschwellig über den gesamten Film hinweg und wünscht sich, man sähe dieses Potential besser aufbereitet. Das ist immerhin mehr als man von allen übrigen deutschen Animationsfilmen der letzten Jahre behaupten kann, aber für einen Animationsfilm unserer Tage schlichtweg zu wenig.
Der Filmdienst hat die Kritik in redigierter Form auf seiner Webseite veröffentlicht:
https://www.filmdienst.de/film/details/625877/aisha-und-das-verlorene-buch#filmkritik
Weiterführende Links:
– LA LUZ DE AISHA, A.I.E. (58,8%, Barcelona)
– MAGO AUDIO VISUAL PRODUCTION, S.L. (0,585%, Barcelona)
– CASTELAO PICTURES, S.L. (0,2925%, Barcelona)
– CASTELAO PRODUCTIONS, S.A. (0,2925%, Barcelona)
– CCMA TELEVISIÓ DE CATALUNYA (0,03%)
– PENG! BOOM! TSCHAK! FILMS GmbH. (30%, Alemania / Germany)
– SANGNILA PTE. LTD (10% Singapur / Singapore)
Weiterführende Links:
https://spainaudiovisualhub.digital.gob.es/en/panorama/animacion/la-luz-de-aisha