27. Juli 2019 Johannes Wolters

Die INDAC Kritik von Robert Hranitzky zu Jon Favreaus „Der König der Löwen“

Eins vorneweg, ich war äußerst skeptisch was die „Real-Verfilmung“ dieses Disney Klassikers anbetrifft. Den Original Zeichentrick Film von 1994 könnte man sicherlich als Meisterwerk bezeichnen, welches das gleichnamige Musical und eine Reihe von Kult-Liedern hervorgebracht hat. Entsprechend frage ich mich, warum es sein muss, nach Dumbo und Aladdin auch noch diesen Film als Neuverfilmung herauszubringen. Also eigentlich ist es klar warum: nämlich um Geld zu machen.
A propos Geld, mit einem Budget von rund 250 Millionen Dollar, ca 500 Artists von MPC und einem All-Star Aufgebot an Synchronsprechern, ist der Film sicherlich keine kleine Produktion gewesen. Vom Budget scheint aber das meiste in die VFX und die Voice Acts zu gehen und quasi Null ins Drehbuch.
Unter der Regie von Jon Favreau ist die Geschichte nämlich zu ca 98% gleich wie im Original. Bis auf ein paar kleine Details und Abwandlungen ist es nahezu eine 1:1 Kopie des Originals. Selbst etliche Kamerawinkel, Framings und Lighting sind gleich. Was die Abweichungen anbetrifft, hat Nala einen etwas größeren Anteil, Zazu hat im Lauf des Films ebenfalls eine leicht abgewandelte Rolle und einige Witze des Duos Timon und Pumba sind neu. Letztere sind übrigens einer der Highlights durch die teils sehr lustigen Witze, großartig gesprochen von Seth Rogen und Billy Eichner.
Insgesamt sind die Stimmen hervorragend besetzt, in erste Linie natürlich unverkennbar James Earl Jones als Mufasa (irgendwie habe ich dann aber doch eher Darth Vader vor Augen als Mufasa), John Oliver als Zazu, Chiwetel Eljofor, als Scar, Donald Glover als Simba, und last but not least Beyoncé als Nala!

Robert Hranitzky

Bei all den Punkten muss der Film doch gut sein, oder etwa nicht?!
In der Tat hatte ich gemischte Gefühle, beinahe so als ob mein Kopf und mein Herz eine innere Diskussion führten. Mein Kopf, weil der Film rein visuell unbeschreiblich atemberaubend gut aussieht. Die Tiere, die Landschaften, das Lighting, die Animation, alles allererste Sahne. Ich würde behaupten, dass ich noch nie so gute und glaubhaft dargestellte CGI Tiere (und Landschaften) gesehen habe. Der Kopf sagte die ganze Zeit: Das gibt es doch nicht, das ist der Wahnsinn, das schaut so gut aus!
Der Film fängt natürlich emotional mit dem bekannten Lied „Nants Ingonyama Bagithi Baba“ an, gepaart mit den unglaublich schönen Bildern ist man am Anfang schnell verzaubert und ich hatte Gänsehaut. Doch als die ersten Dialoge einsetzen, war ich irritiert. Etwas wirkte off… das was in stilisierten Animationsfilmen á la Pixar oder selbst im Original als Fabel mit sprechenden Tieren funktioniert, wirkte hier fremd, da alles so (zu?) echt aussieht. Es ist beinahe so, als würde man eine echte, hochwertige Natur Doku wie „Unsere Erde“ oder „Planet Erde“ schauen, nur dass auf einmal die Tiere zu sprechen beginnen, aber die visuelle Artikulation nicht ganz mit dem gesprochenen überein geht.
Die Komponente Emotion, was das Herz berührt oder berühren sollte, kommt meines Erachtens nach aber leider nicht so ganz durch. Es wirkte irritierend, dass Tiere die so realistisch aussehen sprechen und z.B. Witze machen, aber dabei nicht oder kaum merklich lachen. Es fiel mir dann entsprechend auch schwer Empathie für die Figuren zu entwickeln, ich musste mich wirklich lösen und mir innerlich immer wieder sagen, dass es eben eine Fabel ist und dass ich beispielsweise beim Ansehen des Musicals ebenfalls sehr gerührt und unterhalten war (obwohl da auch „nur“ als Tiere kostümierte Menschen dahinter sind). Danach funktionierte es für mich etwas besser, aber dennoch fehlt mir einfach das Stilmittel der Übertreibung und der Karikatur. Ich hätte mir auch etwas mehr Mut in der Storyline gewünscht, vielleicht ein paar größere und mutigere Abwandlungen vom Original. Aber ob das den Film dann merklich besser gemacht hätte? Man hat gesehen, dass mit dem Dschungelbuch und Mogli dieser Ansatz auch nur bedingt erfolgreich war.

Für mich persönlich gehört viel mehr dazu einen Film als guten Film bezeichnen zu können, als reiner Augenzucker. Letztendlich finde ich die Neuverfilmung insgesamt nicht schlecht, da sie optisch als auch von den Stimmen und natürlich dem hervorragendem Soundtrack überzeugen kann. Auch das Duo Timon und Pumba tragen einen großen Unterhaltungswert bei! Dennoch überwiegt bei mir dieses Gefühl und die Frage, ob man mit diesem großen Budget und dieser Manpower nicht etwas eigenes wunderschönes hätte schaffen können. Ich glaube, am Ende entscheidet bei jedem der innere Kampf zwischen Kopf (und Augen) und dem Herz, ob und wie gut einem der Film gefällt.

Robert Hranitzky

https://www.hranitzky.com/

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