19. Juni 2026 Johannes Wolters

Das INDAC-Interview mit Hisko Hulsing zu „Danse Macabre“

von Johannes Wolters

Link to the english version of this interview – click here!

Hisko Hulsing, geboren 1971 in Amsterdam, ist der wohl der bekannteste niederländische Animationsfilmregisseur. Das Multitalent führt bei vielen seiner Animationsfilmen nicht nur Regie, er ist auch Autor, Maler und Animator bei seinen Projekten und komponiert und arrangiert darüber hinaus die Musik zu seinen Projekten.

Nach der Ausbildung an der Willem de Kooning Akademie in Rotterdem, die er 1995 abschloß, erregten seine beiden Kurzfilme Seventeen (2004) und Junkyard (2012) großes Aufsehen in der Animationswelt. 2015 steuerten er und sein Team die Animationssegmente bei für die Kurt Cobain Dokumentation „Cobain: Montage of Heck“ unter der Regie von Brett Morgen. Die Dokumentation wurde weltweit gefeiert und mit sieben Emmy Nominierungen bedacht.

Einer breiten Masse von Zuschauern weltweit ist die Arbeit Hulsings über die Amazon Prime-Streamingserie Undone (2019) sowie der Episode „A Dream of a Thousand Cats“ (2022) für die Netflix-Serie The Sandman bekannt geworden, beide Projekte wurden jeweils für einen Annie Award nominiert.

Hisko Hulsings neueste Arbeit, der Kurzfilm „Danse Macabre“, der auf dem Trickfilmfestival in Annecy Ende Juni seine Weltpremiere feiert, ist eine fulminante visuelle Auseinandersetzung mit Dimitri Schostakovitschs Allegro aus seiner 10. Symphonie. Der Kurzfilm basiert auf etwa 79 eigens angefertigten Ölgemälden Hulsings die in einem aufwändigen und neuartigen Konzept über 11 Jahre hinweg zum Leben animiert wurden von einem internationalen Team von Artists aus den Niederlanden, Frankreich, Belgien und Ungarn, sowie Süd-Afrika.

Der Film wird am 25. Juni in der Mediathek von Arte zugänglich und in der Nacht zum 26. Juni im Magazin Kurzschluss linear ausgestrahlt.

Interviewer: Johannes Wolters

Um das vorab klar zu stellen: Ich persönlich halte Ihren Film für ein Meisterwerk. Er hat mich die vollen fünf Minuten lang gefesselt. Er ist einfach großartig. Die Technik interessiert mich im Moment weniger, obwohl sie zweifellos bahnbrechend ist. Ich möchte nicht wissen, wie Sie den Film gemacht haben. Ich möchte wissen, warum Sie ihn gemacht haben.

Hisko Hulsing: Aber ich spreche auch gern über die hier angewandten Techniken. Was das „Warum“ angeht: Dieser Film handelt – angesichts all der Mühe, die in seine inhaltliche Gestaltung geflossen ist – von der Wiederbelebung des Faschismus, die derzeit weltweit stattfindet.

Ich bin ein großer Fan von nonverbaler Animationen, wenn sie sich mit Musik verbinden und eine wirklich stimmige Verbindung entsteht. Und genau das ist hier der Fall. Es ist, als hätte Schostakowitsch gesagt: „Hey, mach einen fünfminütigen Kurzfilm über den Aufstieg des Faschismus“.

Hisko Hulsing: Ich glaube, der Film handelt mehr von Stalin, genauer gesagt von Schostakowitschs Leben in der Stalin-Ära. Deshalb sollte ich den Begriff Faschismus vielleicht nicht so oft verwenden, denn er ist zu eng gefasst. Es geht vielmehr um die Militarisierung der Gesellschaft, wie sie in den letzten elf Jahren in Russland stattgefunden hat. Als ich mir das animierte Storyboard, das ich vor elf Jahren erstellt habe, noch einmal ansah, bemerkte ich, dass ich über die ganze Zeit hinweg keine einzige Einstellung geändert habe. Der Film ist die genaue Umsetzung des Animatic, obwohl alle Filmförderer Änderungen forderten, weil sie dachten, ich würde den Krieg verherrlichen. Ich dachte nur: Was redet ihr da?

Das Animatic (2017) von „Danse Macabre“

Interessanter Punkt. Wenn man einen Antikriegsfilm dreht, kann man ihn leicht in einen Pro-Kriegsfilm verwandeln.

Hisko Hulsing: Ich glaube, das werden nicht viele verstehen. Jedenfalls hat Russland vor elf Jahren die Krim von der Ukraine annektiert. Und in Donezk liefen schon damals diese Dinge. Ich war etwas verwirrt, fand es seltsam, dass alle so schwiegen. Die gesamte Europäische Union hat nicht wirklich gehandelt – sie hat nur so reagiert, wie Republikaner nach einem Amoklauf, mit ihren Beileidsbekundungen. Versteht ihr, was ich meine? Ich fand das merkwürdig. Keine wirklichen Maßnahmen von den anderen europäischen Ländern. Gleichzeitig habe ich verfolgt, was unter Putin geschah. Und das erschien mir wie eine Form von Faschismus. Er sprach davon – was Trump später wiederholte –, Russland wieder groß zu machen, er träumte von einem russischen Imperium wie in alten Zeiten.

Sie planten, riesige Statuen von Vladimir zu errichten, einem Kriegsherrn aus dem 15. Jahrhundert, und damit all diese Dämonen der Vergangenheit wiederzubeleben – für uns Dämonen, für sie Helden. Und ich dachte: Interessant, man kann es tatsächlich live miterleben, wie sie dieses ganze Militärgebilde aufbauen, mit dem sie andere Länder besetzen und ihre eigene Bevölkerung unterdrücken wollen. Dann sah ich, wie die Russen sich in ein Referendum in den Niederlanden über einen Vertrag zwischen der EU und der Ukraine einmischten. Wir haben es hier in den Niederlanden schon sehr früh bemerkt, wie die Russen westliche Demokratien unterwanderten. Und dann kam natürlich der Brexit. Seitdem erleben wir weltweit einen Aufstieg von Rechtsextremismus, autokratischen Regimen und offen faschistischen Parteien.

Stimmt.

Hisko Hulsing: Jedenfalls lebte Schostakowitsch in den späten 30er Jahren, während des Großen Terrors. Millionen Russen wurden unter Stalin deportiert, eingesperrt und getötet. Und Schostakowitsch lag jeden Abend voll bekleidet in seinem Bett, neben ihm sein Koffer mit all seinen Habseligkeiten

Denn er war überzeugt, dass er, wie viele seiner Künstlerfreunde, verhaftet und deportiert werden würde. In dieser Zeit, etwas früher, schrieb er die Vierte Sinfonie, die nie aufgeführt wurde, weil sie zu avantgardistisch war. Daher trug seine Fünfte Sinfonie den Untertitel „Eine Antwort auf die berechtigte Kritik der Volkspartei“. Ich erzähle das, weil er immer auf dem schmalen Grat zwischen sowjetischem Heldenstatus und Tod wandeln musste. Das ist eine äußerst schwierige Situation. Wenn man seine Musik hört, spürt man das in allem, was er geschaffen hat. Man hört die sehr, sehr düsteren Untertöne. Aber man hört auch fast propagandistische Elemente, wie die Siebte Sinfonie, die vom Kampf Leningrads gegen die Nazis handelt. Es herrscht also immer diese Ambivalenz zwischen Dunkelheit, Euphorie und vielen anderen Emotionen. Und dieses spezielle Stück – er schrieb es kurz nach Stalins Tod – viele halten dieses viereinhalbminütige Musikstück für ein erschreckendes Porträt Stalins. Ich bin mir da nicht so sicher. Aber ich denke, was man in der Musik hört, ist die Kombination, diese Ambivalenz ist bereits vorhanden. Man hört Panik, Angst, Schrecken. Aber man hört auch Begeisterung. Es ist auch eine Art von Anstoß. Es ist sehr, ich würde nicht sagen euphorisch, aber es ist schon so, verstehen Sie? Ich muss das richtige Wort finden

Das hat etwas „attraktives“.

Hisko Hulsing: Genau! Die Musik scheint uns zu etwas hinzuziehen … Das nutze ich in meinem Film. Dort gibt es Musiker, wie die Musen, die diese dunkle Armee zu einem Licht führen. Ich habe das bewusst zynisch gestaltet; jeder wird spüren, dass es sich um ein trügerisches Licht handelt und die Musen finstere Absichten hegen. Die Musik ist ein zentrales Element des Films. Sie führt die Truppen zu einem schrecklichen Ziel.


Da sind also die Schlagzeuger, da sind die Geiger. Sie alle sind Teil dieser Musik. Der Film ist so aufgebaut, dass dieser tote oder schlafende Soldat durch die Musik, durch diese Musen, zum Leben erweckt wird. Und während er zum Leben erwacht, verwandelt er sich sofort wieder in ein Skelett. Sobald der Soldat also zum Leben erwacht, ist er bereits ein Skelett. Ich meine, die Soldaten, die jetzt an die Front in der Ukraine geschickt werden, die russischen Soldaten, sind in dem Moment tot, in dem sie aufbrechen. Sie haben noch ein paar Tage zu leben. Sie sind bereits tot.
Und ich folge der Musik von Schostakowitsch. Der erste Teil wirkt sehr militaristisch, aber organisiert. Er ist sehr geordnet. Ich habe die ersten paar Einstellungen so behandelt, als wären sie von Leni Riefenstahl gedreht worden. Und dann kommen die Märsche. Sie sind sehr geordnet. Aber natürlich verfällt letztendlich alles in Chaos. Zuerst greift diese Todesarmee die gesamte Menschheit an und tötet jeden. Und dann bricht das absolute Chaos aus, die Soldaten tanzen betrunken über Leichen und hängen ihre eigenen Musen auf. Denn so läuft es wohl in den meisten Kriegen ab. Es mag mit Ideologien und allerlei höheren Zielen beginnen, aber am Ende denkt man sich nur noch: Scheiß drauf, verstehst du? Lasst uns einfach alle umbringen.

Shakespeare schrieb: „Lasst die Hunde des Krieges los“ – die Gräueltaten des Krieges sind unvermeidlich.

Hisko Hulsing: Ja, absolut. Und ich glaube, die meisten Kriege enden in Anarchie. Und wenn Menschen in einem anarchistischen Zustand sind, geschehen die schlimmsten Dinge, weil sie ums Überleben kämpfen und zu Bestien werden. Das ist natürlich eine vereinfachte Beschreibung des Films. Es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Aber ich muss aufpassen, dass ich nicht zu viel verrate, denn der Film hat viele Ebenen, die die Zuschauer selbst entdecken sollen.

Mir erschien es, als ob Sie uns eine Seite von uns selbst, der menschlichen Natur, gezeigt hätten, die wir lieber meiden: dass wir alle sehr leicht in einen Krieg verfallen können. Und wir wollen uns dieser Musik, dieser Realität nicht stellen Wir alle tragen aber diese Seite in uns, und sie muss gezähmt werden. Sie muss belehrt werden. Sie muss, ganz einfach, vermieden werden.

Hisko Hulsing: Das stimmt. Absolut, da stimme ich zu. Aber den Film als Antikriegsfilm zu bewerben, wäre zu simpel. Ich finde, die Ukraine hat das Recht, sich gegen Russland zu verteidigen. Meiner Meinung nach sollten sie sich verteidigen. Ja. Aber das ist etwas ganz anderes als die Motive von Ländern wie Russland, die keinen wirklichen Grund haben, dieses Land zu überfallen, außer ihr altes russisches Imperium wiederzubeleben. Das ist eine andere Art von Motivation. Deshalb unterstütze ich die Ukrainer. Der Film handelt im Grunde davon, wie Menschen in eine Denkweise hineingezogen werden, die sie glauben lässt, sie müssten andere Länder, die sie als minderwertig ansehen, im Namen ihres Vaterlandes überfallen. Und ich meine, ich kenne Ihr Alter nicht, ich bin 54. Ich hatte das große Glück, in meinem Leben keinen Krieg miterlebt zu haben.

Ja, ich auch.

Hisko Hulsing: Ja. Das ist gut. Aber wenn es hier eine ähnliche Situation gäbe, wüsste ich nicht, wie ich mich verhalten würde. Ich habe keine Ahnung.

Meine Eltern mussten schon in sehr jungen Jahren mit dem Zweiten Weltkrieg umgehen. Sie haben mir beigebracht, was Krieg bedeutet und dass ich alles tun sollte, damit so etwas nie wieder passiert.

Hisko Hulsing: Nun, das ist typisch deutsch. Ich finde, die Deutschen neigen dazu, die Fehler ihrer Großeltern und Eltern übertrieben zu korrigieren und sind dadurch fast schon… Ich meine, ich liebe es. Deshalb liebe ich Deutschland so sehr. Es gibt so viel Schuldgefühl wegen dem, was passiert ist. Sogar bei Menschen, die 40 Jahre später geboren wurden, was irgendwie schade ist, denn welche Rolle spielten sie außer noch nicht geboren zu sein? Aber in gewisser Weise ist es gut, dass die Deutschen sich ihrer Vergangenheit so bewusst sind, dass sie so gegen den Krieg eingestellt sind. Ich denke aber, dass sich das etwas geändert hat. Das muss sich angesichts der aktuellen Lage, in der Russland seine Nachbarn bedroht, auch ändern.

Nun, ich glaube, im Moment haben viele Deutsche das vergessen.

Hisko Hulsing: Und es gibt jetzt Parteien im Aufwind, die… wie die AfD sind.

Ich hätte mir gewünscht, wir lebten in einer Zeit, in der bei Erscheinen Ihres Films alle gesagt hätten: Ja, wir wissen, wir sind alle gegen den Krieg. Noch ein Antikriegsfilm, na und? Aber jetzt, in unserer heutigen Realität, trifft Ihr Film den Nerv der Zeit und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.

Hisko Hulsing: Das stimmt, aber das ist reiner Zufall. Und ich habe im letzten halben Jahr tatsächlich einiges aus dem Film entfernt, weil sich die Zeiten geändert haben. Ich habe die Rechten immer als eine Art verkappte Faschisten betrachtet. Sie haben es nicht wirklich offen gezeigt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Leute sind offen… Ich meine, wie Elon Musk, der den Hitlergruß zeigt. Das ist offener Faschismus. Ich meine, er sagt, er habe es nicht getan, aber wir haben es alle gesehen. Er hat es sogar zweimal getan. Also ist er ein offener Faschist. Deshalb habe ich einiges am Anfang entfernt. In der Eröffnungsszene mit den Millionen von Geigern gab es diese Schalen auf der Bühne mit all den Feuern, wie bei den Olympischen Spielen 1936 im nationalsozialistischen Deutschland. Ich habe solche Dinge entfernt, weil ich dachte, nein, das ist zu offensichtlich. Ich meine, es muss diese Bilder hervorrufen, aber es kann nicht wirklich wie ein „Triumph des Willens“ sein. Also habe ich es rausgenommen, weil mir plötzlich klar wurde, dass es Leute gibt, die auf so einen Scheiß stehen. Ich habe es im Grunde universeller gestaltet.

Es gibt einen sehr berühmten Disney-Kurzfilm aus den 1940er-Jahren.

Hisko Hulsing: Donald Duck? Meinen Sie den mit Donald Duck? Der ist echt witzig.

Nein, es gibt noch einen anderen: „Education for Death“, eine „Silly Symphony“ von 1943. Er ist nicht typisch Disney, sondern ein Film, der erklärt, warum die Allierten den Krieg gewinnen müssen, und der aber gleichzeitig ein Antikriegsfilm ist. Darin sieht man, wie sich die Deutschen darauf vorbereiten, zu den Klängen der Musik in ein großes Grab zu marschieren. 

Hisko Hulsing: Oh, das ist interessant.

Es ist ein Film, den Disney sehr gut versteckt hält. Er trifft eine wichtige Aussage trifft: Nazis sind schlechte Menschen, und er zeigt, wie Propaganda deutsche Soldaten dazu bringt, freies Denken zu vergessen und einfach in den Krieg und damit in den Tod zu marschieren. Es ist ein brillanter Kurzfilm, und ich musste sehr daran denken, als ich Ihren Film gesehen habe. Sie sollten ihn sich unbedingt ansehen.

Hisko Hulsing: Ich habe ihn nie gesehen.Warum verstecken sie ihn dann?

Oh, da gibt es verschieden Gründe. Er ist vor allem sehr düster. Wirklich düster für ein Unternehmen, das Freude, Sonnenschein, Lachen und ähnliches verkauft. Es wurde aus einem ganz bestimmten Grund gedreht: um den Amerikanern zu zeigen, dass die Deutschen nun der Feind sind und sie sich mit ihnen auseinandersetzen müssen. Und das ist interessant, denn der Zweite Weltkrieg ist fast schon ein „gerechter“ Krieg. Ein Krieg, den man verteidigen kann. Es wäre schwierig, einen Antikriegsfilm über den Zweiten Weltkrieg zu drehen – man musste ihn führen, wegen der Aggression und der Gräueltaten, die wir Deutschen dort begangen haben. Es war und ist notwendig, die Nazis zu bekämpfen. Der andere große Krieg, der Erste Weltkrieg, ist dagegen ein Krieg, der fast unbegreiflich ist. Und man kann ihn auch nicht verstehen, wenn man ihn genauer betrachtet, weil so viele Menschen umsonst sterben.

Hisko Hulsing: Ja. Es ist wie ein schrecklicher Traum. Ich war vor 20 Jahren in Nordfrankreich. Wir kamen in einen kleinen Wald, und der Boden war noch immer voller Bombenlöcher. Da stand ein kleines Schild. Darauf stand, dass ein deutscher General seinen Soldaten versprochen hatte, diese Stellung innerhalb von 24 Stunden einzunehmen. Dann dauerte es ein Jahr, und über 100.000 Soldaten starben auf demselben Feld. Kanonenfutter. Sie wurden von beiden Seiten dorthin gebracht und starben, starben, starben. Es ist ein apokalyptischer Albtraum. Wissen Sie, so würde ich diesen Film auch nennen. Er ist kein Antikriegsfilm, sondern ein apokalyptischer Albtraum.


Ich verwende den Begriff „apokalyptisch“, weil ich mich auf die gängige Bildsprache der biblischen Apokalypse beziehe. Ich bin Atheist in vierter Generation und habe die Bibel daher nie gelesen. Das Problem ist jedoch, dass viele Menschen apokalyptisch denken. Zum Beispiel Peter Hegseth. Ich kannte ihn vor elf Jahren nicht, aber es gab andere wie ihn. Er betrachtet den Nahen Osten als eine Art heiliges Schlachtfeld, Israel und Palästina als Eigentum der Juden. Ich weiß, die Deutschen sehen das anders, aber ich bin zu einem scharfen Kritiker der israelischen Regierung geworden.

Ich gebe zu, ich auch.

Hisko Hulsing: Mir ist aufgefallen, dass viele Deutsche ihre Meinung ändern, aber ich verstehe ja, warum sie immer so pro-israelisch waren. Ich dachte immer: Palästinenser und Israelis haben beide ihre Gründe, dort zu sein. Das denke ich immer noch. Aber ehrlich gesagt, finde ich, dass sich die Israelis im Moment wie Faschisten verhalten. Und jetzt gibt es auch noch Leute wie Peter Thiel, ich glaube, der ist auch Deutscher.

Sie haben recht.

Hisko Hulsing: Er hat so apokalyptische Ideen. Nicht Trump selbst, aber einige Leute in seinem Umfeld. Und das ist sehr gefährlich, denn sie treiben das Ende der Welt mit ihren Massenvernichtungswaffen geradezu voran, es ist furchtbar.
Als ich vor elf Jahren mit dem Moving Storyboard, dem Animatic anfing, hörte ich nicht nur die Musik von Schostakowitsch. Ich las auch Philosophie. Bücher von John F. Gray, der humanistisch und apokalyptisch dachte. Oder Francis Fukuyama, der Anfang der 90er vom Ende des Kommunismus, vom Ende der Geschichte sprach – eine Art apokalyptisches Denken, so nach dem Motto: Steuern wir alle auf ein höheres Ziel zu? So funktioniert Geschichte aber nicht. All diese Ideen sind in den Film eingeflossen. Niemand wird sie je entdecken, wenn ich nicht darüber spreche, aber sie sind da. Was ich sagen will: Es sind nicht nur religiöse Fanatiker, die so apokalyptisch denken. Es ist tief in der menschlichen Zivilisation verwurzelt, zu glauben, dass die Geschichte ein Ziel haben sollte. Ein Ende der Zeiten, eine klare Richtung. Stattdessen ist Geschichte nur ein unübersichtliches Durcheinander von Ereignissen.

Es gibt diese tragische Komponente, dass die Überlebenden des Ersten Weltkriegs sich einredeten, dies sei der Krieg, der alle Kriege beendete.

Hisko Hulsing: Haben sie das wirklich gesagt?

Und es dauerte nur 20 Jahre, bis der nächste Krieg ausbrach.

Hisko Hulsing: Diesen Sommer reisten wir über Eisenach nach Berlin, denn Bach lebte dort. Meine Frau ist Musikerin, mein Sohn auch, und wir sind alle große Bach-Fans. Danach fuhren wir nach Weimar. Und mir wurde plötzlich klar, dass die demokratische Regierung in Weimar zwischen den beiden Weltkriegen zwar gute Prinzipien hatte, aber zu wenig von der menschlichen Natur und den Erfahrungen der Bevölkerung nach der Niederlage verstand.
Als ich den Animatic vielen Leuten zeigte – übrigens auch vor vier Jahren in Kiew in einem IMAX-Kino –, erinnerten sich viele an den Ersten Weltkrieg. Weil ich so viele Brauntöne verwendet hatte, brachten die Leute ihn immer mit dem Ersten Weltkrieg in Verbindung. Das mag daran liegen, dass mein Bruder und ich als Kinder oft meinen Großvater besuchten, der im kommunistischen Widerstand kämpfte. Und mein Bruder, Milan Hulsing, ein sehr guter Comiczeichner, und ich saßen immer auf dem Boden und studierten all die illustrierten Bücher über den Ersten Weltkrieg. Ich glaube, das könnte auch eine Inspiration gewesen sein, so wie all diese Werke zu sehen.

Hier in Deutschland stammen unsere Bilder und Eindrücke vom Ersten Weltkrieg fast ausschließlich aus Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“.

Hisko Hulsing: Ja, ich habe es vor langer Zeit gelesen.

Es geht um das Leben in den Schützengräben, deshalb ist alles immer schlammig und braun.

Hisko Hulsing: Ja, ja, ja. Und natürlich sind alle Bilder, die es gibt, schwarz-weiß, und die Fotografien sind sepiabraun geworden. Ich bin halb Tscheche, also habe ich natürlich „Der brave Soldat Schwejk“ von Hašek gelesen. Und „Reise ans Ende der Nacht“ von Céline. Das handelt auch vom Ersten Weltkrieg. Aber mein Film „Danse Macabre“ handelt nicht speziell vom Ersten Weltkrieg, sondern vom Krieg im Allgemeinen. Als ich das Animatik erstellte, sagten mir die Leute immer wieder: Soldaten marschieren nicht mehr, sie setzen Drohnen ein.

Erstens stimmt das nicht. Haben Sie jemals chinesische Propagandavideos auf YouTube angesehen? Die haben da diese Aufmärsche. Unglaublich! Die marschieren viel besser als die Nazis, ehrlich gesagt. Ich will hier jetzt keinen Wettbewerb anfangen (lacht). Nein, nur ein Scherz. Aber was ich sagen will: Es ist nicht verschwunden. Die Russen haben ja auch ihre Paraden. Na ja, die haben ja keine Soldaten mehr, die marschieren können. Und die Chinesen, die haben ihre Paraden. Die Nordkoreaner. Diese Paraden, diese Märsche, das ist auch die Illusion, die absolute Kontrolle zu haben, alles organisiert zu sein. Sowas gibt es bei uns in Westeuropa nicht, weil wir schreckliche Assoziationen mit dieser Art von Militarismus haben. Aber es ist nicht verschwunden. Es ist immer noch da. Trump hat es versucht, aber es hat nicht funktioniert. Deshalb ist es schwierig, so einen Film zu machen. Ich meine, wenn ich in meinem Film Drohnen eingesetzt hätte, wäre das lächerlich gewesen, denn in 20 Jahren wird es schon wieder etwas anderes geben. Und dann sind da noch die Bilder von Kriegen, die wir aus Büchern, Denkmälern und Gemälden kennen.

Letztendlich sterben Menschen, und Menschen töten. Selbst wenn sie Drohnen einsetzen.

Hisko Hulsing: Genau. Es ist die beste Metapher, die man wählen könnte. Das war immer mein Argument, wenn ich mit Filmförderern sprach. Ich sagte: Okay, moderne Kriegsführung mag anders aussehen. Aber letztendlich, wenn man Gaza mit Dresden vergleicht, sieht man keinen Unterschied. Das liegt einfach daran, dass beide Städte vollständig zerstört wurden. Nach all dieser Zerstörung sieht jede Stadt gleich aus. Nur noch Ruinen.
Das ist auch die offizielle Bedeutung des Wortes „Danse Macabre“: Der Tod ist der große Gleichmacher. Es spielt keine Rolle, ob man reich oder arm ist. Am Ende sind wir alle gleich. Tot. Und so ist es auch mit Kriegen. Am Ende ist das Leid gleich, wenn man seine Familie und Freunde verliert und alles um sich herum zerstört ist.

Wurden Sie von Hieronymus Bosch, Peter Bruegel oder Künstlern dieser Tradition beeinflusst?

Hisko Hulsing: Ich bin ein großer Fan von Bruegel, vor allem. Bosch natürlich auch. Aber der war ja total verrückt. So ein seltsames Genie. Es ist wirklich schwer, sich von so jemandem beeinflussen zu lassen, weil er so einzigartig ist. Aber ich wurde von vielen, vielen Künstlern beeinflusst. Und Peter Bruegel ist einer meiner Lieblingsmaler. Stimmt. Und die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts und Velázquez. Als ich meine Moodboards für die Filmförderung erstellte, nannte ich immer Francisco Goya. Ich bin kein großer Goya-Fan, aber ich nannte ihn immer, weil er der Erste war, der so etwas wie Chroniken über den Krieg mit all seinen Gräueltaten anfertigte. Ich nutzte das, um die Filmförderung davon zu überzeugen, dass man Kunst über dieses Thema machen kann. Und natürlich Fantasia von Disney, das war ein großer Einfluss wegen „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ und auch „Fantasia 2000“. Der letzte Abschnitt über den Feuervogel. Ich meine, er ist hier und da ein bisschen zu kitschig für meinen Geschmack, aber insgesamt so gut…

Die Dynamik und das Timing sind großartig. Es ist ein toller Kurzfilm.

Hisko Hulsing: Es ist fantastisch. Die Regie von Paul und Gaetan Brizzi aus Frankreich ist hervorragend. Ich bin mir sicher, dass sie Musiker sind, genau wie ich – das müssen sie ja sein. Das Timing ist perfekt. Und dann ist da noch der andere Film: Pink Floyd, natürlich „The Wall“, mit den Walking Hammers. Diese Filme haben mich in meiner Jugend sehr geprägt. Aber wenn man über Einflüsse spricht, gibt es so vieles. Ich wurde von Musik beeinflusst, aber vor allem von Spielfilmen. Roman Polanski ist einer meiner größten Einflüsse, Filme wie „Der Mieter“ oder „Rosemaries Baby“. Und so weiter und so fort. Unzählige Inspirationsquellen.

Als ich den Trailer von „Danse Macabre“ zum ersten Mal sah, dachte ich sofort: Das ist großartig! Die Szene, in der das Skelett durch die Stadt galoppiert. Meine einzige Befürchtung war, man kann diese Bilder auch mßbrauchen.

Hisko Hulsing: Ich habe schon ein TikTok-Video gesehen, in dem Szenen aus meinem Film neu zusammengeschnitten und mit Hip-Hop unterlegt wurden. Das ist problematisch. Es ist zwar gut gemacht, und ich habe nichts dagegen, aber ich muss vorsichtig damit umgehen. Das stimmt. Andererseits sind es ja alles nur Skelette. Es ist düster, nicht gerade aufbauend. Vor zwei Jahren war ich in den Niederlanden auf einer Ausstellung über faschistische Kunst. Und ich war sehr froh darüber, denn es wurde deutlich, dass die Kunst, die die Faschisten mochten und propagierten, schöne, starke, gesunde Männer zeigte, nicht Skelette. Die Frauen waren nur dazu da, Kinder zu bekommen und den Haushalt zu führen. Es ist eine völlig andere Bildsprache. Die Bilder, die wir vom Zweiten Weltkrieg und Nazi-Deutschland haben, sind nicht vergleichbar mit den Bildern ihrer Propaganda. Wir denken an Konzentrationslager und Massenmord, während die meisten Nazi-Kunstwerke blonde Arier verherrlichten. In ihrer Bildsprache kommen nicht viele Sketons vor.

Es gibt da ein fantastisches Gemälde von Hitler als mittelalterlichem Ritter.

Hisko Hulsing: Oh ja, genau.

Ja. Und das ging für mich total nach hinten los, denn als ich das sah, musste ich sofort laut lachen, weil es so komisch war.

Hisko Hulsing: Es ist schon eine Karikatur. Ja, genau. Man kann sich nicht darüber lustig machen, weil es an sich schon komisch ist. Im Moment mache ich mir keine großen Sorgen mehr. Ich hatte lange Angst, dass die Leute meinen Film falsch verstehen könnten. Aber mit diesem riesigen Affensoldaten, der die ganze Stadt zerstört – ich meine, was ich damit sagen will, ist, dass das das Problem der Menschheit ist. Wir sind zwar immer noch Primaten, aber Primaten mit hochentwickelten Technologien. Und diese Technologien entwickeln sich exponentiell weiter. Aber die Ethik der Menschheit entwickelt sich nicht exponentiell. Wir werden als Spezies tatsächlich immer dümmer. Genau das wollte ich damit veranschaulichen: Diese Soldaten, die abgesetzt werden, rennen los wie Tiere, wie Affen, und landen schließlich alle in einer nuklearen Explosion. All diese Ideen stecken im Film. Ich bin mir sicher, dass manche Leute einiges davon missverstehen werden. Aber so ist das mit der Kunst, man kann nie wissen, was wie verstanden wird.

Ich würde gern wissen, wie alles begann, wie die Idee vor elf Jahren in Ihren Kopf kam. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Hisko Hulsing: Also, zunächst einmal, es ist elf Jahre her, seit ich angefangen habe. In der Zwischenzeit habe ich aber zwei ganze Staffeln von „Undone“ inszeniert und eine animierte Folge von „The Sandman“ für Netflix gemacht.

Darüber haben wir ja mal gesprochen, diese wirklich witzige Idee, dass Katzen Menschen zum Fressen gern haben.

Hisko Hulsing: (lacht) Das ist auch interessant, ich habe es nicht geschrieben. Es stammt von Neil Gaiman, aber es passt irgendwie zu meinem Thema. Nun ja, wie dem auch sei. Die Idee zu „Danse Macabre“ entstand nach „Montage of Heck“, dem Film über Kurt Cobain. Ich habe dafür animierte Sequenzen erstellt. Und der Film wurde ein Riesenerfolg. Kurt Cobain von Nirvana wurde weltberühmt. Er war eine Produktion von Universal Pictures und HBO. Er wurde weltweit gezeigt und erhielt sieben Emmy-Nominierungen. Und da war dieser Rapper namens Kid Cudi. Er ist ein Hip-Hop-Künstler. Und Jahre später drehte er „Entergalactic“. Aber zu der Zeit ging es ihm nicht besonders gut. Er steckte in einer tiefen Krise. Aber er sah „Montage of Heck“ und war so begeistert, dass sein Manager mir eine E-Mail schrieb, ob ich an einer Zusammenarbeit interessiert sei und ob ich lieber Business Class oder First Class nach Los Angeles fliegen würde. Ich sagte: Okay, das kann ich machen. Und sie brachten mich in einem tollen Hotel am Hollywood Boulevard unter. Ich ging jeden Tag mit Kid Cudi ins Tonstudio, wo er sein neues Album aufnahm, um mir seine Ideen anzuhören und zu sehen, welche Visuals ich dazu entwickeln könnte. Die Visuals waren ziemlich dämonisch. Es ging ihm damals nicht gut. Er hat es aber überwunden. Heute ist er sehr glücklich und berühmt. Damals ging es ihm jedoch nicht gut. Seine Ideen waren sehr düster, es ging mehr um seine inneren Dämonen. Letztendlich haben wir den Film nie gedreht.

Als ich zurück in die Niederlande kam, dachte ich: „Da gibt es tatsächlich ein Musikstück, das solche Bilder in mir hervorruft.“ Und zwar den zweiten Satz der 10. Sinfonie von Schostakowitsch. Diese Bilder hatte ich schon mit 20 Jahren vor Augen: Geigen, die wie Pferde klingen, Trommeln, die wie Explosionen knallen. Ich kann Musik abstrakt hören, aber ich bekomme auch sehr leicht Bilder im Kopf, wenn ich bestimmte Musik höre. Ich habe zwei Biografien über Schostakowitsch gelesen und weiß recht viel über ihn und seine Musik. Ich bin Musiker, meine Frau und mein Sohn sind professionelle Musiker, Geiger. Ich habe einige frühe Notenblätter gesehen, die Schostakowitsch mit 15 oder 16 Jahren geschrieben hat. Er schrieb Kommentare neben seine Partitur, wie zum Beispiel: „Hier kommt der Soldat heraus.“ Er beschrieb die Musik in Bildern. Ich weiß also, dass er auch ein sehr visuelles Denken hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er so gedacht hat. Ich meine, dieser Satz der 10. Sinfonie ist eindeutig ein Marsch. Es ist ein Marsch. Man kann ihn eigentlich gar nicht anders interpretieren. Und er handelt ganz klar von Schrecken, Panik, Tod und Chaos.

Bestimmt habe ich andere Bilder verwendet, als er im Sinn hatte, aber das stört mich nicht. Also habe ich mit dem Storyboarding begonnen. Niemand auf der Welt hat dieses Musikstück öfter gehört als ich, ich glaube mindestens 2000, wahrscheinlich sogar 3000 Mal, wirklich, weil ich einfach nur da saß und es mir anhörte. Es war ein sehr anstrengender Prozess. Ich habe nie mehr als zwei Zeichnungen pro Tag angefertigt, was beim Storyboarding nicht viel ist. Normalerweise mache ich 10, manchmal sogar 60 Zeichnungen am Tag. Ich habe schon viele Storyboards für andere Projekte erstellt. Aber hier war es anders. Denn erstens wollte ich ständig darüber nachdenken, was ich zeichnete. Und zweitens wollte ich ständig darüber nachdenken, worum es in meiner Geschichte gehen sollte, denn ich hatte keine klare Handlungsskizze. Ich hatte kein Drehbuch, ich habe einfach mit der Musik angefangen. Und während ich die Storyboards zeichnete, entwickelte ich meine Ideen für die gesamte Struktur des Films und die einzelnen Elemente. Deshalb habe ich sie auch so gut ausgearbeitet. Denn ich weiß, dass mich das mehr inspiriert als eine schnelle Skizze. Es ist schwer zu erklären, aber es nährt gewissermaßen mein eigenes Gehirn.

Wie bitte? Das ist Ihre Vorgehensweise?

Hisko Hulsing: Ja, ich habe meinen Kopf mit neuer Inspiration gefüttert. Dann war es sehr schwierig, dem Film eine Struktur zu geben, denn er ist viereinhalb Minuten lang. Bei Minute 2:10 habe ich die Nuklearexplosion eingebaut. Ich bin darauf gekommen, weil der Film keiner Drei-Akt-Struktur folgt, die Musik folgt keiner solchen Struktur. Der Höhepunkt, der größte Höhepunkt, liegt also in der Mitte. Deshalb war ich monatelang völlig blockiert und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ich hatte viele Ideen, aber sie erwiesen sich alle als falsch. Bis mich mein Produzent anrief und sagte: „Hisko, was machst du da? Wir müssen das animierte Storyboard in zwei Wochen liefern!“ Und plötzlich sprudelte das ganze Ende aus meinem Kopf. Man kann es mit dem Schreiben eines Drehbuchs vergleichen. Aber das hier entstand rein visuell, nie schriftlich, immer völlig synchron mit der Musik – zumindest in meinem Kopf. Und das Ganze musste eine Art Geschichte erzählen.

Meine erste Begegnung mit dieser Art des Geschichtenerzählens war „Die alte Mühle“, eine Silly Symphony von Walt Disney aus dem Jahr 1937, produziert vom Team um Walt Disney. Es ist „nur“ Musik, etwas Atmosphärisches. Wenn man es sieht, scheint es keine große Handlung zu geben. Es ist einfach eine Nacht in der alten Mühle. Und es gibt ein Gewitter.

Hisko Hulsing: Ja, ich weiß. Wunderschöne Dinge geschehen. Es ist unglaublich. Wunderschön. Ich glaube, ich stimme Ihnen zu. Ich meine, es gibt auch heute noch viele gute Animationsfilme. Aber ich denke, die Anfänge, etwa die Filme von Max Fleischer und die frühen Silly Symphonies, die frühen Disney-Filme, waren die Blütezeit der Animation, meiner Meinung nach. Sie mussen mir nicht zustimmen, aber das ist meine Meinung.

Ich habe Ihren Film gesehen, ich sehe das also anders.

Hisko Hulsing: Haha, okay, danke. Aber eine Geschichte nur mit Bildern und Musik zu erzählen, kann so kraftvoll sein, besonders mit Animation. Das geht natürlich auch mit Realfilm. Wie in meinem Film „Junkyard“. Die Geschichte hätte ich vielleicht auch mit Schauspielern erzählen können… Aber am liebsten mag ich die alten Fleischer- und Disney-Filme, wo alles eine Seele hat, alles berührt. Die kann man immer wieder sehen. Oder ein Film wie „Vater und Tochter“ von Michael Dudok-De Wit. Der ist einer meiner Lieblingsfilme, weil er zwar eine Geschichte erzählt, aber keinen wirklich logischen Handlungsverlauf hat. Man kann ihn also immer wieder sehen, weil man jedes Mal etwas Neues entdeckt. Und genau das liebe ich an Animation am meisten: das Unsagbare zu erzählen. Aber Sie hatten eine andere Frage.

Was war der nächste Schritt, nachdem das Storyboard und das Animatic fertiggestellt waren?

Hisko Hulsing: Normalerweise läuft der Prozess so ab, muss ich Ihnen nicht erklären: Die Hintergründe sind natürlich von den Figuren getrennt. Und so habe ich für meine Filme, für „Junkyard“, „Seventeen“ und all die anderen, Hunderte von wunderschönen Gemälden als Hintergründe angefertigt. Ich mag sie. Aber das eigentliche Motiv (die Figur) fehlt immer, es ist immer wie eine leere Kulisse. Und das hatte ich satt. Ich weiß, dass meine Gemälde gut sind, aber sie werden immer nur als Hintergrundgemälde wahrgenommen, was irgendwie schade ist. Also dachte ich: Drehen wir es einfach um. Malen wir die ganze Szene. Also fing ich an, die Hintergründe mit den Figuren zu malen. Jede Einstellung begann mit so einem Gemälde. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich danach vorgehen sollte. Es war ein mutiger Schritt. Ich dachte mir: Okay, ich will, dass es so aussieht. Ich weiß nicht wie, aber ich werde es herausfinden. Und dann haben wir einen Test mit Projection Mapping mit Polder Animation durchgeführt, mit dem ich 2017 recht zufrieden war.

2017? Animationsschaffende sind extrem geduldige Menchen.

Hisko Hulsing: Der Test war okay, aber es wäre sehr teuer geworden. So ging es also nicht. Dann habe ich „Undone“ gemacht, zwei ganze Staffeln und die animierte Folge von „The Sandman“. Danach hat mich UTA unter Vertrag genommen. Das ist die größte Künstleragentur in L.A. Sie haben mich mit Netflix, Amazon, Sony, Blur Studios und all den großen Studios vernetzt. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, einen Kurzfilm zu drehen.

Also habe ich das Projekt als Anthologie vorgeschlagen – als Teil einer Anthologie, einer „Fantasia“-ähnlichen Anthologie, „Fantasia“ für Erwachsene. Als ich darüber sprach, waren einige Studios richtig begeistert. Ich erinnere mich, da war diese Frau von Netflix, die sagte: „Wollt ihr Fantasia machen? Schaut mal hinter mich.“ Und tatsächlich hing hinter ihr ein Poster von Fantasia. Aber als ich ihr das animierte Storyboard zeigte, sah ich, wie ihre Mundwinkel nach unten zogen, so nach dem Motto: „Oh, das ist nicht das, was wir wollen.“ Ich meine, sie haben das kommerzielle Potenzial darin nicht erkannt. Deshalb wollte es niemand machen.
Ich dachte mir, gut, dann muss ich diesen Kurzfilm eben selbst noch einmal machen, was das Projekt gerettet hat. Hätte ich ihn als Teil einer Anthologie veröffentlicht, hätte er niemals diese Qualität erreicht. Denn nun war ich gezwungen, mich um jedes Detail des Films zu kümmern, wissen Sie, also ging wirklich jede Zeichnung durch meine Hände, um sie zu überarbeiten. Und ich briefte die Leute sehr detailliert. So konnte ich diesen Film als Kurzfilmregisseur realisieren, was ihn viel besser machte, als wenn ich nur eine Art Supervisor gewesen wäre. Vier Länder waren beteiligt: ​​die Niederlande, Belgien, Frankreich und Ungarn. Und sogar ein Studio in Afrika, das mit Autour de Minuit, Gao Shan Pictures, zusammenarbeitete. Und so hatten wir wöchentliche Zoom-Meetings, Briefings, in denen wir jede Einstellung besprachen. Ausgangspunkt für jede Einstellung war entweder das Storyboard und die von mir gemachten Live-Action-Aufnahmen oder das Gemälde, je nachdem, ob es fertig war oder nicht. Was ich sagen will, ist, dass diesem Film sehr geholfen hat, dass er ein Kurzfilm ist. Das Problem bei Kurzfilmen ist, dass nie genug Geld da ist. Deshalb bin ich immer verschuldet. Das gehört einfach dazu, wenn man Kurzfilme macht. Aber ja, es lohnt sich. Glaube ich, hoffe ich.

Dürfen Sie mir etwas über das Budget erzählen? Natürlich können Sie nicht für Ihre gesamte Arbeitszeit bezahlt werden, die Sie ja investiert haben, da es sich deutlich um ein Passion Project, ein Herzensprojekt handelt.

Hisko Hulsing: Das Budget? Das kann ich Ihnen sagen. Es war eines der größten Herzensprojekte, die ich je gesehen habe. Schließlich mussten Sie ja auch Leute für die Produktion bezahlen. Es gab vier Produzenten. Und ich kann Ihnen sagen: Das Gesamtbudget betrug 470.000 Euro. Das ist eine Menge Geld.

Echt? Nur 470.000?

Hisko Hulsing: Ja.

Es sieht wesentlich teurer aus.

Hisko Hulsing: Ach, wirklich? Vielen Dank. Danke dafür. Also, ich muss Ihnen Folgendes sagen: Ich bin mir ziemlich sicher, dass „Autour de Minuit“ keinen Gewinn abgeworfen hat. So viele Leute haben an dem Film mitgearbeitet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie nicht ihr eigenes Geld investiert haben. Mein Produzent in den Niederlanden, Richard Valk, hat, glaube ich, auch einen Teil seiner Gage beigesteuert. Die Ungarn haben kein Geld vom Staat bekommen. Das war natürlich noch unter Viktor Orbán. Sie haben alles aus eigener Tasche bezahlt. Es ist wirklich ihr eigenes Geld. Aber es ist für viele ein Herzensprojekt. Ich kenne die Ungarn, das war Cinema Entertainment, Reka Temple. Sie war total begeistert von dem Film. Sie sagte, es sei ein sehr wichtiger Film und sie wollten daran mitwirken. Und dann haben sie 25.000 Euro aus eigener Tasche investiert. Es ist also wirklich in jeder Hinsicht ein Herzensprojekt. Ich meine, alle Künstler wurden bezahlt, klar. Aber ich glaube, irgendwann wurde den Leuten klar, dass es etwas Besonderes werden würde, und sie haben ihr Bestes gegeben.
Und auch Stein Louisse, der mir bei der Entwicklung von Stable Diffusion ComfyUI geholfen hat – er war der Einzige, der sich darum gekümmert hat. Er hat dabei auch nicht viel verdient, weil er diese neuen Techniken vor zweieinhalb Jahren zusammen mit mir entwickelt hat. Ich will gar nicht wissen, was er bekommen hat, aber wahrscheinlich gerade so genug. Er war großartig. Es war ein sehr anstrengender Prozess, weil er ständig programmieren und immer wieder ausprobieren musste. Manchmal habe ich etwas freigegeben, und Wochen später kam er zurück und sagte: „Ich bin noch nicht zufrieden. Ich versuche es nochmal.“ Das ist sehr motivierend. Man arbeitet gern mit solchen Leuten zusammen, die einfach sagen: „Nein, das ist nicht gut genug. Ich muss es besser machen.“ Ich war sehr zufrieden damit.

Man muss wohl ein hervorragender Kommunikator sein, um Menschen dazu zu bringen, so zu arbeiten.

Hisko Hulsing: Ich denke immer, wenn ich so etwas im Kopf hätte, wäre es sehr schwierig, das zu kommunizieren und alle auf einen Nenner zu bringen. Nun, ich habe mittlerweile viel Erfahrung, da ich „Undone“ inszeniert habe, einen sechsstündigen Animationsfilm mit 200 Mitarbeitern. Und bei „Dream of a Thousand Cats“ waren es sogar 150. Dadurch bin ich darin besser geworden. Zunächst einmal merken die Leute sofort, dass ich weiß, was ich will. Viele Regisseure wissen das nicht genau, was sie wollen, was die Leute verunsichert. Ich habe als Storyboard-Zeichner für über 120 Werbeagenturen Storyboards erstellt. Es gilt, die Balance zu finden zwischen Präzision und gleichzeitig kreativer Freiheit. Wenn man so eine klare Richtung vorgibt, blühen die Leute auf, weil sie wissen, was von ihnen erwartet wird. Gleichzeitig wissen sie aber auch, dass sie noch mehr leisten können. Und genau das habe ich durch die Arbeit für andere gelernt: Besonders ältere Art Directors verstehen das: Man gibt Künstlern gewisse Rahmenbedingungen und innerhalb dieser gibt man ihnen die Freiheit, sich zu entfalten. Und dann blühen sie auf, weil sie spüren und wissen, dass es auch ihr Werk ist. So gehe ich mit Menschen um. Ich gebe ihnen klare Anweisungen und damit viel Freiraum. So können sie sich bei der Arbeit voll entfalten.
Fällt es Ihnen schwer, loszulassen, Ihr Herzensprojekt anderen Künstlern anzuvertrauen, die es weiterentwickeln und Ihnen dadurch neue Impulse geben?

Fällt es Ihnen schwer, loszulassen, Ihr Herzensprojekt anderen Künstlern anzuvertrauen, die es weiterentwickeln und Ihnen dadurch neue Impulse geben?

Hisko Hulsing: Nun ja, es ist schwierig, wenn Leute nicht kompetent sind. Das kommt vor. Und man merkt im Laufe des Prozesses, dass nicht jeder gleich gut ist, aber es ist besonders schön, wenn Leute sich weiterentwickeln. Man weiß nie. Es ist ein etwas unsicherer Prozess. Es ist also nicht einfach. Ich versuche, ihnen so viele Hilfsmittel wie möglich zur Verfügung zu stellen, zum Beispiel Referenzmaterial, denn ich habe den ganzen Film zuerst mit Schauspielern und Musikern gedreht und ihn dann geschnitten. Der Film wurde also anhand der Animatics geschnitten.

Sie haben also bereits all diese Referenzen. Sie haben viel Material, mit dem sie arbeiten können, deshalb versuche ich, so viel wie möglich zu kontrollieren und ihnen gleichzeitig etwas Freiheit zu geben. Ich mag Leute, die proaktiv sind, die einfach Dinge tun, die ich nicht verlangt habe, und dann: „Oh wow, daran habe ich gar nicht gedacht.“ Das war so toll, als ich „Undone“ gedreht habe. Früher dachte ich, je mehr Leute an einem Projekt arbeiten, desto einfacher wird es. Aber das stimmt so nicht ganz. Wenn man mit 30 Leuten am Set ist, sind da 30 Köpfe am Werk, und jeder hat seine eigenen Ideen. Man bekommt also viele verschiedene Anregungen, und wenn man diese richtig nutzt, entsteht ein besseres Produkt, ein besseres Projekt. Bei meinem Film ist es allerdings etwas anders, weil ich so genau wusste, was ich wollte, dass ich den Leuten nicht allzu viel Freiheit lassen konnte.

Ich persönlich würde Ihnen allein schon für den Trailer den Oscar verleihen! So etwas wirklich Neues sehe ich nur selten. Ich war wirklich dankbar. Man sieht die Arbeit, die Sie und Ihr Team in jedes einzelne Bild gesteckt hast.

Hisko Hulsing: Ja, man sieht die Arbeit, aber da wir über soziale Medien vernetzt sind, kennst Sie die Gemälde ja schon seit Jahren, was natürlich auch einen Unterschied macht. Und falls Sie das „Wie wir das gemacht haben“ interessiert: Ich habe ein Making-of-Video erstellt, das den Produktionsprozess detailliert erklärt:

Danse Macabre

Danse Macabre will be an apocalyptic nightmare, based on the Allegro from Shostakovich’ 10th Symphony.
Written, directed and painted by Hisko Hulsing.

https://www.hiskohulsing.com/

https://www.imdb.com/de/name/nm0401563/

A multimedia project that consists of a short, animated film, a series of oilpaintings and orchestral performances.

Releasedate 2026, duration, 5 minutes
Producers:
Richard Valk, Valk Productions – The Netherlands
Nicolas Schmerkin, Autour de Minuit -France
Viviane Vanfleteren, Vivifilms – Belgium
Reka Temple, Cinemon Entertainment – Hungary

Credits Danse Macabre


            
            
                                    
                        
                        
                
                    
                        , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,                     

                            
                 
            
                        
        

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert