22. Juli 2019 Johannes Wolters

Das INDAC Interview mit den Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Baden Württemberg in Absprache mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau und dem Staatsministerium Baden Württemberg

Beitrag von Johannes Wolters, INDAC

Am 24. Mai 2019 wurde eine von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart in Auftrag gegebene Studie veröffentlicht – ein Positionspapier mit dem Titel Animation als Beispiel für eine erfolgreiche Clusterentwicklung in der Region Stuttgart und Baden-Württemberg. Ein Positionspapier für eine wirtschaftliche Weiterentwicklung.

Die Studie wurde von Dittmar Lumpp und Susanne Schosser erstellt und greift auf Meinungen, Fakten und Einschätzungen von renommierten Persönlichkeiten aus dem Bereich Animation und VFX im Raum Baden Württemberg zurück. Unter ihnen Professor Andreas Hykade, renommierter Filmemacher, Leiter der FMX und des Animationsinstituts sowie frisch gewähltes Mitglied der Academy of Motion Pictures Arts And Sciences, Prof. Sabiha Ghellal, Experience & Game Design Professor an der Hochschule für Medien, Stuttgart, Armin Pohl, der CEO von Mackevision, Prof. Bernhard Eberhardt, (HDM Stuttgart), Professor Jan Adamczyk, (HDM Stuttgart), Prof. Dr. Alexander Roos, (HDM Stuttgart), Stefanie Larson, Leiterin des AMCRS, Professor Ulrich Wegenast, ITFS, Professor Volker Helzle, Head of Research & Development, Filmakademie Baden-Württemberg und viele, viele andere mehr.

Die Studie enthält wesentliche kritische Ansätze und beschreibt in vielen Beiträgen ein Auseinanderklaffen zwischen Anspruch, Wahrnehmung und Wirklichkeit der Realität in Sachen Animation und VFX in Baden Württemberg und bemüht sich um lösungsorientierte Ansätze um eine attraktive Zukunft für den Standtort Stuttgart/Baden Württemberg zu erarbeiten.

Dabei lassen sich die meisten Probleme, die die Studie formuliert und betrachtet von der regionalen Szene nahtlos auf Bundesebene heben. Dies macht dieses bemerkenswerte Positionspapier zum wichtigsten Beitrag zur Entwicklung der deutschen Animation und VFX Industrie und Community des letzten Jahrzehnts und gehört damit zur Pflichtlektüre für alle Beteiligten, die in diesem weiten Feld tätig sind.

Ein wesentlicher Aspekt dabei ist, dass diese Studie über ihre Aussagen selbst hinaus eben diese Beteiligten dazu bewegen möchte, sich zu äußern und in sachlicher und förderlicher Art und Weise Argumente miteinander auszutauschen, die zu einer wirtschaftlichen Weiterentwicklung beitragen. „Wir freuen uns auf eine lebhafte und spannende Diskussion unserer Vorschläge und Anregungen.“, so formuliert es das Positionspapier. Dazu möchte die INDAC Initiative beitragen und hat deswegen in den vergangenen Wochen angefangen, eine Reihe von Interviews mit den Beteiligten zu führen, um so eine solche Diskussion weiter anzuregen und zu befördern,indem wir hier den geäußerten Meinungen  über den INDAC Blog eine entsprechende, für alle sichtbare Plattform geben. Wir möchten hiermit alle Leser und Interessierten ermuntern, uns ihre Meinungen, Einsichten und Argumente mitzuteilen, damit wir sie hier auf dem Blog veröffentlichen können.

Nun zum Interview:

In Baden-Württemberg ist das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst für den Filmbereich federführend. Die Fragen wurden mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau und dem Staatsministerium abgestimmt –  Die Antworten aus den einzelnen Abteilung wurden zusammengetragen und von der Presseabteilung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst an INDAC übermittelt.

Hier also die abgestimmten Antworten der Ministerien!

Waren Sie vom Ergebnis des Positionspapiers überrascht?

Nein. Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst steht in ständigem Dialog mit der Medienbranche.

Wen oder was genau unterstützt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg eigentlich im Bereich Animation/VFX? Das Medium oder eher die Produzenten, die das Medium nutzen? Wie genau sieht die Aufgabenstellung aus, der sich das Ministerium verpflichtet fühlt. Wie steht das Ministerium dem Medium Animation/VFX in all seinen Spielarten gegenüber, sprich welchen Stellenwert wird diesem Feld eingeräumt in der gesamten Arbeit des Ministeriums?

Baden-Württemberg, speziell die Region Stuttgart, zählt heute zu den führenden Standorten in Europa im Bereich Animation, digitale Postproduktion und VFX. Die Förderung durch die MFG Filmförderung, zum Beispiel mit dem innovativen Instrument der Line-Producer-Förderung, hat dazu – mit Unterstützung des Landes – einen entscheidenden Beitrag geleistet. Die MFG wird vom Land und dem SWR mit einem Förderbudget ausgestattet und auf Landesseite vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst federführend betreut. Das Land ist im Aufsichtsrat der MFG unter anderem durch das Wissenschaftsministerium, das Staatsministerium und das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg vertreten. Der Bereich Animation und VFX genießt beim Land einen hohen Stellenwert.

Das Papier erwähnt leicht ironisch, dass es nach 30 Jahren durchaus Zeit ist für eine erste Bestandsaufnahme in Sachen Animation/VFX Förderung ist. Wie bewertet das Ministerium die gegenwärtige Situation? Teilt sie die Ergebnisse des Papiers? Gibt es Grund zur Selbstkritik seitens der Ministeriums? Besteht Handlungsbedarf?

Es ist selbstverständlich der Anspruch des Landes, den Standort ständig weiter zu entwickeln. Deshalb hat das Land unter der Federführung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst die Evaluierung und Fortschreibung der Filmkonzeption gestartet, in deren Zuge notwendige Weichenstellungen thematisiert und eingeleitet werden sollen; das gilt auch für den Bereich Animation und VFX. Das angesprochene Positionspapier enthält eine Vielzahl von Beiträgen verschiedener Akteure mit ihren jeweiligen Sichtwesen; es wird bei der Fortschreibung der Filmkonzeption eine Rolle spielen. Ohne den Ergebnissen vorgreifen zu wollen: Wir werden in dem Prozess darauf achten, dass zusätzliche Bürokratie und Doppelstrukturen vermieden werden. 

Das AMCRS und seine Clusterleiterin sind einzigartig in der Bundesrepublik. Die Position wird derzeit allerdings als Halbtagsstelle von einer Architektin wahrgenommen. Ist das wirklich die bestmögliche Lösung für diese Idee? Oder der Ausdruck eines größten gemeinsamen Nenners aller Beteiligten?

Das Cluster hat sich unter der Leitung von Stefanie Larson enorm weiterentwickelt, inzwischen sind es 25 Mitglieder – mit Zuwächsen vor allem bei den Hochschulen und im VFX-Bereich. Durch die Schaffung eines Beirates und verschiedener Arbeitsgruppen oder auch der öffentlichen „Tech Talks“ wird ein starkes einheitliches Bild abgegeben, ohne dass einzelne Akteure an Profil verlieren. Das Netzwerk bietet zudem die große Chance, hochqualifizierte Talente an die Region zu binden, da es an zahlreichen international prämierten Kino- und TV-Projekten beteiligt ist. Im letzten Jahr entstand zudem eine Taskforce Games & Interactive innerhalb dieses Netzwerks, um Studios hinzuzugewinnen angesichts der dynamischen Entwicklung in den 360-Grad- und VR-Anwendungen im Filmbereich.

Die Animation selbst verlässt derzeit mehr und mehr die Bundesrepublik. Die Biene Maja wird in Australien animiert,  Drache Kokosnuss hat indische Animatoren beschäftigt und die kommende Produktion „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ wurde unter anderem in China hergestellt, eine Tatsache die bei der Bewerbung der Filme in der Pressearbeit (bewusst?) unerwähnt bleibt. Die MFG selbst hat auf diesen Umstand hingewiesen: „Labor-intensive tasks such as clean-ups and in-betweens have been outsourced to non-European studios for financial reasons …„   Davon profitiert das chinesische Studio Sophie in Shenzen, das in seinem Showreel neben Fritzi-Eine Wendewundergeschichte auch auf seine Mitarbeit an Filmen und Serien wie Ritter Rost, Die Häschenschule, Drache Kokosnuss usw. hinweist. https://vimeo.com/216794822 Webseite: http://www.sophieanimation.com/ Daraus ergeben sich hier für mich an Sie mehrere Fragen vor allem in Bezug auf „Fritzi-Eine Wendewundergeschichte“ – die MFG Filmförderung wird explizit als Förderer im Presseheft des Films genannt: Empfinden die Ministerien des Landes Baden Württembergs einschließlich der Staatskanzlei nicht sowohl wirtschaftlich, kulturell sondern auch rein moralisch ein massives Unbehagen, dass auch mit Hilfe der von der MFG geleisteten Förderung ein Film über den friedlichen Zusammenbruch der sozialistischen DDR aus „kapitalistischen“ Gründen seitens der Produzenten im kommunistischen China mithergestellt wird, also dem Land, das bis heute das Massaker auf und rund um dem Tianmen-Platz von 1989 leugnet?

Die internationale Arbeitsteilung in der Film- und Fernsehbereich – vor allem bei Animation und VFX – folgt einer schon länger stattfindenden Entwicklung. Diese Arbeitsteilung unterliegt nicht dem Einfluss des Landes; einzelne Staaten mit Blick auf die dortige politische Situation von der internationalen Zusammenarbeit auszuschließen, wäre, davon abgesehen, auch wenig hilfreich, vielleicht sogar kontraproduktiv. Das gilt in besonderem Maße für die künstlerische Zusammenarbeit. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass nur Kosten als Baden-Württemberg-Effekt anerkannt werden, die tatsächlich in Baden-Württemberg angefallen sind; dies wird von der MFG sichergestellt.

Auch wenn viele Aufträge gerade US-amerikanischer Firmen nach Asien vergeben werden, ist der Markt momentan groß genug, um ausreichend Animations- und VFX-Sequenzen in Europa produzieren zu lassen. Bei der Wiederauflage des „Biene Maja-Franchises“ wurden bei den ersten beiden Teilen zahlreiche Komponenten in Baden-Württemberg produziert, darunter Konzeptentwicklungen, Compositing, Layout/Backgrounds, 3-D Animation und Layout/Backgrounds.

Wenn Sie da keine moralischen Probleme mit haben, warum leistet sich das Land Baden-Württemberg noch die Ausbildungsstätten wie das Animationsinstitut etc. in ihren bisherigen Formen? Müssen wir deutschen Animationsstudenten und Artists nicht klipp und klar erklären, dass die Arbeit an deutschen Produktionen nunmehr absehbar im Ausland stattfindet und ein Auswandern in diese Länder nach Abschluss des Studiums unabdingbar wird? Warum sollen sie noch in Deutschland ausgebildet werden?

Die internationale Strahlkraft des Animationsinstitutes der Filmakademie wirkt intensiv in das Land hinein. Die hier ansässigen Dienstleister und Produzenten im Animations- und VX-Bereich sind mittlerweile für viele internationale Arbeitskräfte attraktiv geworden, gleichzeitig rekrutieren sie viele ihre festen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der Filmakademie oder der Hochschule der Medien – auch dank des wachsenden Standortes. Es trifft insbesondere nicht zu, dass die Arbeit an deutschen Produktionen nunmehr absehbar im Ausland stattfindet.

Haben sich die Ministerien selber sich Ziele gesetzt in Sachen Animation/VFX? Wie sehen die aus? In welchen zeitlichen Dimensionen planen sie die Entwicklung?

Das Land befindet sich aktuell in einem Prozess zur Evaluierung und Fortschreibung der Filmkonzeption Baden-Württemberg – unter Einbeziehung der Akteure. Der Bereich Animation und VFX spielt dabei eine maßgebliche Rolle.

Die Studie kritisiert die schwierige Kompetenzlage der einzelnen Ministerien in Baden-Württemberg hinsichtlich der Problemstellungen in Sachen Animation und VFX, auch bedingt durch die Existenz des AMCRS Clusters. Wie sehen Sie eine mögliche Solidarisierung der zuständigen Ministerien nicht nur hinsichtlich der innerregionalen Fragen, sondern auch im Bezug auf die ähnlichen Problematiken in anderen Bundesländern, die sich in diesem Bereich engagieren mit dem Ziel die Situation in Baden-Württemberg wie auch im Rest der Bundesrepublik zu verbessern? 

Die im Wesentlichen mit der Film- und Fernsehwirtschaft befassten Ministerien – Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg und Staatsministerium – arbeiten hervorragend zusammen und tauschen sich regelmäßig aus. Alle drei Ministerien sind im Aufsichtsrat der MFG vertreten und wirken gemeinsam an der Fortschreibung der Filmkonzeption mit. Auch in anderen Bundesländern mit einer starken Animations- und VFX-Szene wie z.B. in Bayern, Berlin oder Brandenburg, sind die medienpolitischen Kompetenzen im Übrigen unter mehreren Häusern aufgeteilt.

Offensichtlich erlaubt das gegenwärtige System die Entstehung von immer gleichen Produktionen im Kinobereich, die keinerlei Erfolge an der Kasse bei der Öffentlichkeit zu erzielen haben. Gleichzeitig ringen renommierte deutsche TV Serien um die Finanzierung, auch wenn sie ihr Können mit renommierten Preisen und Auszeichnungen vielfach unter Beweis gestellt haben. Wie gelingt es dem Ministerium für Wirtschaft da, neue Talente im Land zu behalten und ins Spiel zu bringen, wie gelingt eine fundierte Bewertung von Projekten, von Budgets, von Geschichten und IPs? Woher nimmt das Ministerium dazu das Know How dazu?

Für die Filmförderung ist in Baden-Württemberg in erster Linie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst zuständig.

Die MFG fungiert in der Filmförderung als „verlängerter Arm“ des Landes. Ihre Förderentscheidungen sind in der Regel jurybasiert, die Unabhängigkeit und fachkompetente Besetzung der Jurys sind für das Land ein hohes Gut. Überdies verfügen das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst und die weiteren beteiligten Ministerien über eigene Erfahrung und Fachkompetenz. Im Übrigen trifft es nicht zu, dass von der MFG geförderten Projekte keine kommerziellen Erfolge aufweisen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Nächstes Interview in dieser Reihe erscheint auf dem INDAC Blog

am kommenden Donnerstag, den 25. Juli 2019

Der Interviewpartner ist dann Thomas Meyer Herrmann, Stuio Film Bilder.

Relevante INDAC – Interviews hierzu:

INDAC Interview mit Dr Walter Rogg, Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH

 

 

INDAC Interview mit Dirk Beinhold, Akkord Film

 

 

 

INDAC Interview mit Andreas Hykade, Animationsinstitut/FMX

 

 

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