1. Juni 2016 Johannes Wolters

„Preschool-Filme bestärken die Klischeedenker, ein Teufelskreis!“ – Eure Kommentare zur Preschool-Falle im deutschen Animationsfilm – Teil 5!

Nach zwei Blog-Kommentaren meinerseits, zum einen: „Währenddessen in Deutschland“ und zum anderen „Bemerkungen zur Preschool-Falle“ gibt es von Eurer Seite eine Vielzahl von Kommentaren – Hier zum immer wieder Nachlesen also schon Teil 5

Hier sind die Links zu den weiteren  Blogeinträgen : Teil 1 —  Teil 2 — Teil 3 –– Teil 4

Ich freue mich über weitere Wortmeldungen, die ich sehr gerne hier auf dem INDAC Blog teilen werde! Ich bedanke mich bei Benedikt Niemann, Aygün Völker, Andreas Feix, Klaudia Urban, Tobias Schwarz, Ferdinand Engländer, Theo de Marcousin und Ratsch Kattl für ihre nachfolgenden Kommentare! Toll!

 

Mich macht vor allem traurig, wie tief dieses „Trickfilme sind nur was für Kinder“ in der Gesellschaft verankert ist: Ich produziere Kinowerbung, und mein Anspruch ist, diese so zu gestalten, dass die Zuschauer sie als unterhaltsamen Teil des Kinoabends begreifen, nicht als lästiges, zu ertragendes, bitteres Beiwerk vor dem eigentlichen Vergnügen. Deshalb möchte ich nette, kleine Geschichten erzählen, die dem Zuschauer mit einem Augenzwinkern jemanden vorstellen, zu dem man doch mal hingehen könnte, um zu prüfen, ob es da wirklich so grandiose Sachen zu kaufen gibt. Nun zum Thema: Für diesen Zweck wollte ich bei einem meiner Kunden durch einen kleinen, gezeichneten Seemann Aufsehen erregen. Der Kunde zeigte die Vorschau des geplanten Spots seinen Mitarbeitern, um ihre Meinung dazu in seine Beurteilung mit einfließen zu lassen. Das Ergebnis: Die Figur sollte lieber nicht erscheinen, denn dadurch wirke der Laden vielleicht unseriös! In einem anderen Film hatte ich an Stelle echter Schauspieler animierte Figuren eingesetzt: Die Leute im Kino reagierten nach Aussage des Vorführers so: Zuerst Befremden – huch, Animationsfilm, sind wir hier falsch? – doch zum Ende des Spots für ein Wellness-Studio, in dem zwei Protagonisten sich tiefe Blicke zuwerfen, um dann zusammen in der Sauna zu verschwinden, und ein einsames Weinglas auf dem Tisch stehen bleibt, akzeptieren die Zuschauer die Erzählform, und über die Gesichter huscht jedes Mal ein breites Grinsen. Das ist das Geheimnis und gleichzeitig das Problem: Wenn sich Leute Animationsfilme ansehen, werden sie als Spinner abgetan, aber die unter ihnen, die die Geschichte sehen, verstehen sie genauso wie bei Realfilmen und lassen sich durchaus mitreißen. Deshalb ist es umso schlimmer, dass in Deutschland nur Preschool-Filme produziert werden. Sie bestärken die Klischee-Denker. Und an die anderen Stoffe traut sich kein Redakteur heran. Ein Teufelskreis.

Aygün Völker

 

Zu Song of the Sea übrigens meine persönliche Erfahrung: Sonntags nachmittags: Nehme im kleinsten Kinosaal, 14:30 platz, niemand da außer mir. Irgendwann verspätet, platzt noch eine Familie mit Kleinkind rein. Und nach einer Weile höre ich den Satz „… das ist ja gar kein Kinderfilm, der ist viel zu heftig für unsere Lisa!“, sie regen sich leise auf und gehen wieder. War noch Gemurmel, dass der Ticketveräufer das doch hätte sagen müssen, und was ein komischer Animationsfilm das ist.

Klaudia Urban

 

Gestern habe ich mir „Angry Birds“ angeschaut. Den Film kann man vielleicht etwas mit „Der kleine Drache Kokusnuss“ vergleichen. Bei beiden eine erfolgreiche Vorlage, die entsprechend dieser Popularität mit viel (oder weniger viel) Filmföderung und Eigenkapital umgesetzt wurde. Ich würde behaupten auch ähnlicher Humor, Erzählweise und Zielpublikum. Mit mehr Budget kann ich mir den einen Film etwas schmerzloser anschauen, als den anderen (viel mehr/ weniger) polishing in allen Bereichen, aber im Grunde genommen geben sich beide nicht viel. Diese Art Film wird selten zu mehr werden, als reine Unterhaltung …und ich glaube, da gibt es auch nicht mehr Anspruch. Mehr Budget sieht man möglichst auf der Leinwand und hoffentlich kann man auch die beteiligten Künstler angemessener bezahlen.

Tobias Schwarz

 

Auf beiden Seiten des Atlantiks weiß man: die Qualität ist schlecht. Gekauft und gezeigt wird es trotzdem, nur die Begründungen sind anders. Hier sagt man: „Das versendet sich.“ und setzt darauf, dass das eigene produzierte Projekt übersehen wird (!), wohingegen es in den Staaten eigens darauf ausgerichtete Produktionen (z.B. straight-to-DVD) gibt, die Billigproduktionen fürs Ausland als Geschäftsmodell erkannt haben. Während meines Studiums in den USA, wenn ich entsetzt fragte, wer bitteschön denn Bambi III sehen wolle, klang es im Chor: „It’s gonna do well overseas.“ Ergo, so schlecht kann es gar nicht sein, als dass man es nicht in Europa oder im nahen Osten gewinnbringend verschrotten könnte. Es ist sehr, sehr traurig.

Ratsch Kattl

 

Super wichtiges Thema! Gerade vor ein paar Tagen habe ich wieder von einem großartigen Projekt gehört, das bei der Filmförderung gegen Biene Maya 5 oder irgendsowas „verloren“ hat. Außerdem habe ich in der Tat noch nie darüber nachgedacht, dass die Zielgruppe der deutschen Filme vielleicht überhaupt nicht ins Kino gehört. 90 Minuten Qual für unruhige Kinder und die unterforderten Erwachsenen – so ein Unsinn. Es tut jedenfalls gut zu hören, dass einige deutsche Animationsfilmemacher das auch gerne anders hätten! Zeiten in denen Joscha Sauer immerhin ein paar Folgen seiner NICHTLUSTIG Zeichentrickserie produziert bekommt, machen Hoffnung, dass sich vielleicht auch im Kino bald etwas tun wird… heißt WIR müssen es „einfach“ tun.

Ferdinand Engländer

 

Super interessant. Wird uebrigens auch beim APD in Stuttgart waehrend ITFS/FMX diskutiert, aber leider viel zu kurz und, dank ein paar aufgeregten komischen Kritikern, zu karikatural. Oft sind internationale Coproduktionen mit Deutschland wie „Ups, Noah is gone“ interessanter als reine deutsche Produktionen – Wie bei animierten tv serien… Aber es gibt verbesserungen und hoffnung! Und ohne foerderung, kein kultur! Komisch dass die tv sender null verpflichtungen haben, oder? Canal+ finanziert franz. Kino zu einem drittel. Was macht Sky? Und FTV, TF1, M6 sind mit Millionnen € & Expertise dabei: Und ARD, ZDF, RTL/S-RTL, Disney Channel? Deutschland ist zu erwachsen und „liberal“. Animation und Kinder interessiert die wenigsten. Ein langer Weg: Weiter viel Erfolg trotzdem!

Theo de Marcousin

 

(Und Leute fragen sich, warum die jungen Animationsstudenten nach der Ausbildung nicht im Land bleiben… )

Andreas Feix

 

Bei Drehbuch und Dramaturgie könnte sich Deutschland auf jeden Fall mal in Richtung US-Vorbilder auf den Weg machen. Das ist nicht unmöglich. Aber hier werden ja alle Ideen im Keim erstickt, die keine Preschool-ich -war-auch-schon-ein-Buch-Vorgeschichte haben. Ich stimme Dir insofern zu, dass man Deutschland nicht mit Pixar und Co vergleichen sollte, als dass keiner von deren Filmen hier eine Chance gehabt hätte, überhaupt gemacht zu werden. Versuch mal, Ice Age oder Ralph reichts an die FFA zu pitchen.

Benedikt Niemann

 

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